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Neues Berufsbild in der LWL-Klinik: Barbara Zander arbeitet als Genesungsbegleiterin

Seelenprofi aus eigener Erfahrung

Gütersloh (WB). Sie selbst war seelisch krank. Ihren Beruf als Krankenschwester musste sie deshalb an den Nagel hängen. Mit ihren Erfahrungen aus dieser schweren Zeit hilft Barbara Zander jetzt als Genesungsbegleiterin Patienten in der Gütersloher LWL-Klinik.

Carsten Borgmeier

Seit Anfang des Monats ist Barbara Zander (48) als Genesungsbegleiterin im LWL-Klinikum tätig. Auf der Station S1 kümmert sie sich um akut Suchtkranke. Insgesamt gibt es bislang zwei Genesungsbegleiterinnen in dem Fachkrankenhaus. Foto: Carsten Borgmeier

Die 48-Jährige ist in dem psychiatrischen Fachkrankenhaus eine von bislang zwei Genesungsbegleiterinnen. »Profi nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus Erfahrung«, sagt die in Halle/Westfalen aufgewachsene Mutter von zwei Kindern zu dem neuen Berufsbild, das nach Worten ihres Vorgesetzten, Professor Dr. Michael Löhr (45), die Psychiatrie bundesweit verändern wird.

Beruf aufgegeben

Ihre Diagnose will Zander nicht öffentlich nennen. Aber wie ihr Leidensweg vor mehr als 25 Jahren begann und wo sie jetzt steht, darüber kann sie inzwischen sprechen. »Meine Arbeitstage, mein Privatleben – alles war damals bis zur letzten Minute durchgetaktet. Ich wollte alles eben perfekt machen«, berichtet sie aus ihrem Leben als junge Krankenschwester.

Fassade aufrecht erhalten

Spätestens 1994 sei ihr aufgefallen, dass sie nicht mehr so funktionierte, so leistungsfähig war und immer schlechter schlafen konnte. »Ich war wie gerädert. Doch die Symptome habe ich verdrängt, mit niemandem darüber gesprochen – ich wollte meine Fassade aufrechterhalten«, schildert sie ihre damals verfahrene Situation. »Ruhe und Entspannung machten mir Angst, Angst vor den eigenen Gedanken.«

Ende der 1990er Jahre hatte sich ihr Zustand derart verschlechtert, dass sich Zander erstmals Hilfe suchte: »Meine Hausärztin hat mich sehr unterstützt und mir Kliniken empfohlen«, berichtet sie. Auch die 1996 begonnene Ausbildung zur Erzieherin holte sie nicht aus dem seelischen Loch, in dem sie steckte. Es folgten Jahre, in denen Zander vier Mal stationär aufgenommen werden musste, nicht mehr zur Ruhe fand und mehrere Therapeuten um Hilfe fragte – beinahe vergeblich.

Achtsamkeit erlernt

»Durch die gute Betreuung in der Klinik und die Arbeit mit Therapeutin und Hausärztin sah ich schließlich ein Licht am Ende des Tunnels.« Das »Handwerkszeug«, welches ihr auch jetzt aus Krisen hilft, habe sie mit ihnen zusammen entwickelt. »Das ist ein wesentlicher Bestandteil, wenn das Leben aus der Bahn gerät und sich Schwierigkeiten anbahnen. Ich musste erst mal lernen, auf mich zu achten, auf mein Bauchgefühl zu hören, es nicht mehr allen recht machen zu wollen«, berichtet Barbara Zander.

Den Wendepunkt brachte 2017 eine Info-Veranstaltung über das Berufsbild des Genesungsbegleiters. »Menschen, die ebenfalls seelisch erkrankt sind, mit meinen Erfahrungen zu helfen – die Idee hat mich begeistert«, berichtet Zander, die folglich die aus zwölf Modulen bestehende Fortbildung beim Verein Ex-In absolvierte, in dem Rahmen zwei Praktika in der LWL-Klinik Gütersloh machte.

»Nicht in der totalen Krise als Patientin ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, sondern dort zu arbeiten und zu helfen – das gibt mir Kraft«, sagt sie.

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