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Rheda-Wiedenbrück: Konzern profitiert von Ausnahmeregel im Osten Deutschlands

Tönnies klärt die Schlammnot

Gütersloh (WB). Der Klärschlamm schwappt den Kommunen derzeit bis an die Rathaustüren. Neue Verordnungen blockieren bisher erlaubte Entsorgungswege. In Rheda-Wiedenbrück gärt es deshalb zwischen der Stadt und dem Fleischkonzern Tönnies.

Stephan Rechlin

Auf landwirtschaftlichen Äckern im Osten Deutschlands darf für eine Übergangszeit noch Klärschlamm zur Anlage von Zwischenfruchtflächen aufgebracht werden. Von dieser Ausnahmeregelung profitiert der Tönnies-Konzern. Foto: dpa

Dabei funktioniert die Kooperation zwischen Kommune und Konzern hier bisher so vorbildlich wie sonst nirgends. 1982 ließ die Stadt als eine der ersten in Deutschland einen Faulturm im Klärwerk Rheda errichten, in dem Klärschlamm getrocknet und energetisch genutzt wird.

Als die wachsende Fleischfabrik Tönnies so langsam den Klärschlamm-Ausstoß einer ostwestfälischen Mittelstadt beisteuerte, stieg sie im Jahr 2000 beim kommunalen Klärwerk mit ein. Sie finanzierte neue Klärbecken, Gasbehälter, ein neues Blockheizkraftwerk, einen Schlammspeicher und 2007 die Erweiterung des Faulturms auf ein Fassungsvermögen von 11.500 Kubikmetern. Darüber hinaus klärt Tönnies das dort beigesteuerte Abwasser im eigenen Betrieb vor. Geschäftsführer Josef Tillmann: »Das von uns angelieferte Wasser ist sauberer als das eines Privathaushaltes.«

Verordnungen lösen Notstand aus

Mit den von der ehemaligen SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks verfügten Düngemittel- und Klärschlammverordnung ist es fortan so gut wie ausgeschlossen, die schwarze, krümelige, mit vielen Fremdstoffen belastete Masse auf landwirtschaftlichen Flächen aufzubringen. Die Kapazitäten in Müllverbrennungsanlagen, Kohlekraft- und Zementwerken sind ausgeschöpft. Nach der Kündigung ihres Entsorgungsvertrages zum 30. Juni haben die Gemeindewerke Herzebrock-Clarholz den Entsorgungsnotstand ausgerufen – sie finden einfach keinen Ofenbetreiber mehr, der ihnen den Klärschlamm abnimmt.

In dieser Not steckt auch Rheda-Wiedenbrück, das erst einmal seinen Klärwerkspartner in die Pflicht nimmt und eine neue Lösung fordert. »Nach Monaten intensiver Arbeit« kann Tönnies-Geschäftsführer Josef Tillmann immerhin mit einer Übergangslösung aufwarten. Auf landwirtschaftlichen Flächen im Osten Deutschlands gilt eine Ausnahmeregelung zur Düngung von Zwischenfruchtflächen. Dort darf Tönnies von Juli an den bis dahin anfallenden Klärschlamm für die Dauer von vier Wochen aufbringen. Der Fleischkonzern produziert etwa 480 Kubikmeter Klärschlamm pro Tag. Tillmann: »Das Allermeiste werden wir mit Hilfe dieser Lösung los. Von Herbst an werden die Kohlekraftwerke der RWE wieder angeworfen, dann stehen uns dort wieder Kapazitäten zur Verfügung.«

Stadt prüft noch

Ob sich die Stadt dieser Lösung anschließen wird, lässt Sprecher Martin Pollklas in seiner Stellungnahme offen: »Die Stadt ist grundsätzlich für die Abwasser- und Klärschlammbeseitigung zuständig. Die Stadt und der Lebensmittelkonzern regeln die Entsorgungsfragen vertraglich und passen diese Vereinbarung regelmäßig den sich ändernden Bedingungen an. Auch aktuell befinden wir uns im Gespräch über eine Anpassung. In der Frage der Beseitigung der Klärschlämme suchen Stadt und Konzern nach einer Lösung im gegenseitigen Einvernehmen.«

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