1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Guetersloh
  6. >
  7. »Umweltschutz ist dauerhafte Pflicht«

  8. >

Isselhorsts Klima-Aktivistin Anette Klee im Interview – Familie steht hinter ihr – mit Video

»Umweltschutz ist dauerhafte Pflicht«

Gütersloh (WB). Mit ihrem Bürgerantrag zum Luftballon-Verbot hat sie bundesweite Aufmerksamkeit erregt. Zu der von ihr mitorganisierten Fahrrad-Demonstration gegen den Ausbau der Bundesstraße 61 kommen mehr als 2000 Teilnehmer: Anette Klee (49) aus Isselhorst äußert sich im WESTFALEN-BLATT-Interview zu ihrem Engagement fürs Klima.

Carsten Borgmeier

Eine Isselhorster Familie macht sich für den Klimaschutz stark: Luca (18), Ingold (54) und Anette Klee (49) sind gegen den vierspurigen Ausbau der B61. Foto: Carsten Borgmeier

Warum und seit wann engagieren Sie sich für den Klimaschutz?

Anette Klee: Umwelt- und Klimaschutz waren uns immer schon wichtig. Seit wir aber verstärkt feststellen, dass Worte und Taten in der Politik zwei verschiedene Dinge sind und dass uns zudem einfach auch die Zeit wegläuft, steht für uns fest, dass Eigeninitiative unerlässlich ist.

Welche Einschränkungen nehmen Sie dafür in Kauf?

Klee: Inzwischen hat sich viel getan. Immer wenn möglich bleibt das Auto stehen, der Garten hat sich komplett verändert, im Vorratsschrank stehen ganz andere und viel weniger Dinge als früher. Kleidung wird möglichst gebraucht gekauft, Lebensmittel öfter unverpackt, regional und/ oder bio. Den letzten Urlaub haben wir mit dem Fahrrad gemacht. Wir brauchen weniger. Eigentlich ist aber nichts davon zum Nachteil, auch wenn manches nicht mehr ganz so bequem ist wie früher. Es tut gut, viel unabhängiger von der Konsumgesellschaft zu sein.

Stichwort Fridays for Future (FFF): Schulschwänzen als ziviler Ungehorsam oder Anfang vom Ende von Regeln und Pflichten?

Klee: Ohne FFF hätten wir keine Debatte um den Klimaschutz. Hut ab – das haben die weltweiten Proteste der FFF erreicht. So bekommen wir eine engagierte und gebildete Generation junger Erwachsener.

Jugend mischt sich ein

Er ist 19, hat just im Sommer Abitur gemacht und will Politiker werden. Sie ist 17, geht zum Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG) und gehört mit zum Organisationsteam der Fridays for Future-Demonstrationen (FFF) in Gütersloh: Stefan Schneidt und Greta Giesen sind trotz ihres jugendlichen Alters bereits zentrale Figuren in der hiesigen Klimaschutz-Szene.

Was treibt sie an, was wollen sie erreichen?

Stefan Schneidt ist seit fünf Jahren im Tierschutz aktiv. Der Veganer setzt sich nach eigenen Angaben in der überregionalen Gruppe »Soko Tierschutz« beispielsweise gegen Pelzwaren und Tierversuche ein. »Ich sehe mich als ein Anwalt der Tiere«, sagt der 19-Jährige, der nicht verstehen kann, warum Menschen der alltägliche, zigtausendfache Tod von Schweinen in Schlachtfabriken wie Tönnies völlig egal sei, aber ein misshandelter Hund für öffentliche Empörung sorge.

Über den Tierschutz und seine Mitgliedschaft bei den Jungen Sozialisten (Jusos) ist der Gütersloher auch mit dem Klimaschutz in Berührung gekommen. »Alles hängt doch mit allem zusammen«, sagt er, der in seinem jetzt verfassten, ersten Bürger-Antrag fordert, das private Silvester-Feuerwerk zu verbieten und stattdessen ein öffentliches an zentraler Stelle zu veranstalten. »Das Böllern und Abschießen von Raketen verursacht jedes Jahr Unmengen an Müll, verängstigt Tiere und Kriegsflüchtlinge«, meint er.

Greta Giesen ist ihren Angaben zufolge schon von Kindesbeinen an für einen achtsamen Umgang mit Ressourcen und Lebensmitteln sensibilisiert worden. »Vorgelebt hat mir das ganz besonders meine Oma, die sich weitgehend aus ihrem eigenen Garten selbst versorgt hat und kaum Auto fährt«, berichtet die Kreissprecherin der Grünen Jugend.

Um das Klima zu schonen, habe sie zum Beispiel jüngst darauf verzichtet, ihre Freundin in Polen mit dem Flugzeug zu besuchen: »Ich habe den Flixbus genommen«, so die 17-Jährige.

Neben ihren FFF-Aktivitäten hat Greta Giesen in der Schülervertretung (SV) des ESG einen Nachhaltigkeitswettbewerb initiiert, an dem sich bislang fünf Schulen beteiligen wollen.

Wie radikal darf Klimaschutz sein?

Klee: Wenn es nach uns geht, können gerne Verbote ausgesprochen werden für Dinge, die nicht lebensnotwendig sind, die aber das Klima schädigen. Der ganze Zusammenhalt unserer Gesellschaft besteht aus Regeln/Verboten. Daher würden wir notwendige Eingriffe auch nicht als »Verbotskultur« bezeichnen, sondern als neue oder weitere gesellschaftliche Regeln. Erschreckend empfinde ich aber manche Reaktionen von Klimagegnern, von denen ich in den Sozialen Medien beschimpft und beleidigt wurde.

Klimaschutz: Nur ein Hype oder dauerhafte Pflicht?

Klee: Menschen neigen im Allgemeinen nicht dazu, von selber maßvoll mit unseren Ressourcen umzugehen. Aus diesem Grund muss man diese schützen. Sauberes Wasser, saubere Luft, gesunde Lebensmittel und ein intaktes Klima sind unverzichtbar, sind aber durch unsere Art zu leben, bedroht. Daher ganz klar: Umweltschutz ist eine dauerhafte Pflicht, auch in Verantwortung für nachfolgende Generationen.

Menschen sind bequem, Autofahren ist bequem, der Wohlstand macht es möglich: Ist die Gesellschaft reif für ÖPNV?

Klee: Da ist die Gesellschaft bislang wohl gespalten. Menschen, die sich mit der Notwendigkeit des Wandels auseinandergesetzt haben, sind sicherlich so weit, ihr Verhalten auch ändern zu wollen. Das trifft aber auf viele Menschen bisher eher nicht zu.

Wie bewerten Sie die Anstrengungen auf kommunaler, auf Landes- und Bundesebene für den Klimaschutz?

Klee: Ich glaube, das kann man nicht trennen. Im Allgemeinen wird das Thema unserer Meinung nach bestenfalls halbherzig angegangen. Es fühlt sich so an, als habe die Politik Angst, die Bürger aus ihrer Komfortzone herauszuholen. Ohne wird es aber leider nicht gehen. Eine große Aufklärungskampagne könnte es der Politik leichter machen, für notwendige Maßnahmen Verständnis zu erreichen.

Wie wollen Sie den vierspurigen Ausbau der Bundesstraße 61 verhindern?

Klee: Vielleicht schaffen wir es, soviel öffentliche Anteilnahme und Empörung der Bürger sichtbar zu machen, dass die Politik handeln muss. Wir sind uns außerdem sicher, dass ein Ausbau in Verbindung mit dem Abholzen der Bäume nicht mit gesteckten Klima-Zielen vereinbar ist.

Wie fühlen Sie sich in Sachen B61 von den Behörden informiert?

Klee: Wir fühlen uns schlecht informiert. Da wird vermessen und ein »vordringlicher Bedarf« erstellt und nicht mal die betroffenen Anwohner wissen so richtig Bescheid.

Sollte der ÖPNV kostenlos sein?

Klee: Ja, das wäre sehr gut. Nur so kann der Staat die Wichtigkeit des Themas angemessen positionieren und ein großflächiges Umdenken bewirken. Fährt man mit Bus und Bahn wirklich viel billiger als mit dem Auto, werden die bald hoffentlich deutlich besseren ÖPNV-Angebot in Anspruch genommen.

Startseite