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Wie Grünhelme Weihnachten im Libanon erleben und die syrischen Flüchtlinge dort malträtiert werden

„Uns treibt die Zuversicht auf Besserung an“

Arsal (WB)

Im Libanon sind ein knappes Drittel der Bevölkerung Christen. Die Städte, in denen viele von ihnen leben, werden festlich geschmückt, es gab die letzten Jahre in der Hauptstadt Beirut sogar einen Weihnachtsmarkt. Vielerorts wird das Fest sehr bunt und laut gefeiert und auch viele Muslime feiern mit.

Simon Bethlehem, Grünhelm aus Gütersloh

Flüchtling Abu Feyrous hilft den Grünhelmen als Übersetzer. Er trotzt mit Frau und Töchtern dem Winter in diesem Zelt. Foto: Grünhelme

In der muslimisch geprägten Stadt Arsal, wo wir unsere Projekte haben, spielt Weihnachten allerdings keine große Rolle. Hier geht an den Feiertagen fast alles seinen normalen Gang. Geschäfte sind geöffnet, die schweren LKW rattern durch den Ort, und ab und zu hört man Sprengungen aus den nahe gelegenen Steinbrüchen.

Grünhelm Simon Bethlehem mit den beiden Töchtern des Übersetzers Abu Feyrous. Foto: Grünhelme

Vor zwei Jahren verbrachte ich die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel im Libanon. Als ich damals an den Tagen vor und nach Weihnachten in meinem grünen T-Shirt durch die Straßen lief, wurde ich immer wieder angesprochen, ob ich denn diese Tage nicht Zuhause mit meiner Familie verbringen würde. Besonders die syrischen Geflüchteten waren sehr aufmerksam. Manche haben mich in ihr Zelt eingeladen, um an diesen Tagen nicht allein zu sein. Für sie sind die hohen religiösen Feste Familiensache.

Zu den größten islamischen Festen, dem Zucker- und Opferfest, kommt die ganze Großfamilie zusammen, es wird gebetet, gesungen und wenn das Geld ausreicht, ein Schaf geschlachtet. Nicht anders als bei uns zu Weihnachten, gibt es viel Gebäck und Süßigkeiten.

Dieses Jahr verbringe ich die Weihnachtstage in Gütersloh-Isselhorst bei meiner Familie. Aber zwei meiner Kollegen sind vor Ort: Ein Tischler aus der Nähe von Heidelberg, der in unserem Tischlerausbildungsprojekt arbeitet, das nach monatelanger coronabedingter Unterbrechung vor ein paar Wochen wieder starten konnte. Und ein Elektriker aus Wolfsburg, der mit unserem Team aus syrischen Mitarbeitern in den Geflüchtetencamps arbeitet und dort die Elektrik erneuert, um Kabelbrände zu verhindern. Die beiden sind in diesem Jahr nicht bei ihren Familien, aber sie werden die Fürsorge unseres Übersetzers Abu Feyrous und seiner Frau Sami genießen können, die uns Grünhelme wie einen Teil ihrer eigenen Familie behandeln.

Solidarität, Miteinander und Empathie sind Werte, die mit Weihnachten assoziiert werden. Wir versuchen, sie in unseren Projekten zu leben – das ganze Jahr über. In Arsal in Form der Tischlerausbildung, der Arbeit in den Camps und der Finanzierung einer informellen Schule für syrische Kinder, die ansonsten nirgends zur Schule gehen könnten. Vor allem aber durch die Art und Weise unseres Auftretens: Dass wir im Ort unter den Leuten leben und versuchen, sie in der Not zu unterstützen. Und dass wir Feste mit ihnen feiern und schöne Momente zusammen erleben.

Im Winter fällt Schnee im libanesischen Flüchtlingslager, wie hier Anfang dieses Jahres. Foto: Grünhelme

Jene Werte scheinen dem maronitisch-christlichen Präsidenten des Libanon, Michel Aoun, abhandengekommen zu sein, zumindest gegenüber Angehörigen anderer Religionen. Seit jeher versucht Aoun, die syrischen Geflüchteten aus dem Land zu drängen. Im vergangenen Jahr musste ich miterleben, wie libanesische Panzer Camps umstellten und die Soldaten die Geflüchteten zwangen, ihre Unterkünfte zu zerstören. Ihr „Verbrechen“: Sie hatten zum besseren Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit in den Zelten einige Steinreihen gemauert. Der Präsident war der Auffassung, gemauerte Wände würden dazu führen, dass sich die Menschen zu sehr heimisch fühlen und dies sie davon abhalten würde, nach Syrien zurückzukehren. Stattdessen sollen sich die Geflüchteten in Arsal weiter nur mit Kunststoffplanen vor Sonne, Regen, Wind und Schnee schützen können.

Für das kommende Jahr hat er nun angekündigt, alle informellen syrischen Schulen schließen zu lassen. Allein in Arsal wären damit tausende Kinder von jeglicher Bildung ausgeschlossen. So soll der Leidensdruck der Menschen erhöht werden, sodass sie ins vom Krieg verwüstete und weiterhin unsichere Syrien zurückkehren.

Nichts lieber würden die meisten der Geflüchteten übrigens tun. Doch in ein Land, in dem all ihr Besitz enteignet wurde, in dem es keine Arbeit gibt, die Lebensmittel knapp sind, die Währung von Tag zu Tag weiter verfällt und überdies Verfolgung und Gewalt an der Tagesordnung sind, kann niemand zurückkehren. Da ist selbst der Libanon, der den Menschen jeden Tag aufs Neue seine Ablehnung zeigt, attraktiver.

Immer wieder diskutieren wir bei den Grünhelmen, wie wir in Syrien arbeiten könnten, um die Menschen im Land zu unterstützen oder eine Rückkehr der Vertriebenen zu erleichtern. Fest steht für uns, dass wir in den vom Assad-Regime kontrollierten Gebieten nicht arbeiten können und wollen. Natürlich gibt es auch dort ungezählte Menschen, die in Armut leben und unter der Politik und Gewalt des Regimes leiden. Doch wissen wir von anderen Organisation, die bereits im Land sind, dass eine Projektarbeit in Syrien nur zu Assads Bedingungen und in von seiner Regierung ausgewählten Gebieten stattfinden kann. Damit würden wir auch indirekt zu einer Legitimation des Regimes beitragen. Dies lehnen wir ab.

2018 war ich im Kurdengebiet in Nordsyrien. Absprachen über den Bau einer Kinderklinik in Kobane waren bereits mit der Selbstverwaltungsbehörde getroffen und erste Pläne erarbeitet. Aber kurz vor dem Start wurde das Projekt durch die Invasion der türkischen Armee unmöglich gemacht. Derzeit laufen Gespräche mit Gruppen aus Idlib, der letzten nicht vom Assad-Regime kontrollierten Region. Doch durch Corona ist die Reise in dieses Gebiet noch komplizierter als ohnehin schon. Ob wir dort im kommenden Jahr werden arbeiten können, ist noch sehr ungewiss.

So haben wir aktuell nur ein Syrien-Projekt, und zwar in der Region nördlich von Aleppo, wohin hunderttausende Menschen aus anderen Teilen des Landes fliehen mussten. Bereits 2016 und 2018 haben wir in Zusammenarbeit mit einem Kölner Verein ein Wohnmobil und einen Lebensmittelwagen zu rollenden Zahnarztpraxen umgebaut und sie anschließend in die Türkei verschifft, von wo sie über die Grenze in ihr Einsatzgebiet gebracht wurden. Hier fahren sie seitdem durch die Geflüchtetencamps und bieten zahnärztliche Behandlungen an. Mit Spenden finanzieren wir den gesamten Betrieb einschließlich der Kosten für das Fachpersonal.

Auch wenn die Lage in Syrien und in den Geflüchteten-Camps im Libanon ernüchternd, oft auch zermürbend und frustrierend ist, so treibt uns dennoch eine Zuversicht auf Besserung an. Manchmal fällt es schwer, an diese zu glauben. Aber Weihnachten ist auch das Fest der Hoffnung und die, so finden wir, darf den Menschen in Not niemals verloren gehen.

Ohne den Schriftsteller Heinrich Böll hätten die Eheleute Christel und Rupert Neudeck ihre erste Hilfsorganisation Cap Anamur wohl nicht gründen können. Welche Rolle der Literaturnobelpreisträger spielte und warum später die Grünhelme gegründet wurden, erfahren Sie in dem Podcast „Romantik reicht nicht“ auf Youtube.

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