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Jutta Conradt (67) kam 1991 aus Sachsen-Anhalt in den Kreis Gütersloh

Wenn der Schwager für die Stasi spitzelt

Gütersloh (WB). »Wir sind Gütersloher«, sagt Jutta Conradt. Im Sommer 1991 kam die Rentnerin, die vielen Kindern als Tagesmutter den Start in die Selbstständigkeit erleichtert hat, mit ihrer Familie aus Sachsen-Anhalt hierher. Fürs das WESTFALEN-BLATT hat die gebürtige Wittenbergerin im Fotoalbum geblättert.

Dunja Delker

Ein Bild geht um die Welt: Am 10. November 1989 jubeln Menschen aus Ost und West auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor. Am Abend zuvor hatte SED-Politbüromitglied Günter Schabowski in einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass alle innerdeutschen Grenzen für DDR-Bürger ab sofort geöffnet sind. Foto: dpa

Familie Conradt wohnt in den 1980er Jahren in der Lutherstadt Wittenberg. Er arbeitet als Kompressionsschlosser im Stickstoffwerk, sie in der Kinderkrippe, die jugendlichen Kinder drücken die Schulbank. Die bürgerliche Familie lebt in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Neubaublock und fährt einmal im Jahr mit dem voll bepackten, hellblauen Trabant nach Ribniz-Damgarten an die Ostsee.

Die Bundesrepublik kennt die typische DDR-Familie nicht nur aus dem Westfernsehen, sondern auch aus dem Paket von den Angehörigen in Verl, das alle paar Monate eintrudelt. »Wir haben gewartet, bis alle zuhause waren und es dann gemeinsam ausgepackt«, erinnert sich die 67-Jährige noch heute an den damaligen Duft von Seife und Kaugummi.

Der Deutschen Demokratischen Republik den Rücken zu kehren – das wäre der jungen Familie nie in den Sinn gekommen. »Wir hätten unsere Kinder doch keiner Gefahr ausgesetzt«, sagt Jutta Conradt kopfschüttelnd. Als im August 1989 die ersten DDR-Bürger in der Deutschen Botschaft in Prag Zuflucht suchen und am 30. September die ersten Flüchtlinge mit Sonderzügen nach Hof fahren, denkt Familie Conradt »im Traum nicht daran, dass es kurzfristig zum Mauerfall kommen würde«.

Beten mit Schorlemmer

Auch Jutta Conradt nimmt mit ihrer Familie an den Friedensgebeten mit Prediger Friedrich Schorlemmer in der Schlosskirche Wittenberg und an den Montagsdemonstrationen teil. »Rappelvoll« sei es dort gewesen. Schorlemmer war 1983 mit der Aktion des symbolischen Umschmiedens eines Schwertes zu einer Pflugschar – einem Hoffnungszeichen der DDR–Friedensbewegung – international bekannt geworden.

Dass damals ein Familienmitglied diese Aktivitäten ganz besonders kritisch verfolgt, erfahren die Conradts erst nach dem Zusammenbruch der DDR. Ihr Schwager bespitzelt nicht nur sie und seine Freunde, sondern sogar seine eigene Ehefrau für die Staatssicherheit. »Als das herauskam, waren wir maßlos enttäuscht«, sagt Jutta Conradt über einen Mann, der kurz nach der Wende schwer krank wurde und verstarb.

Mit dem Trabi nach Berlin

Wo Familie Conradt den 9. November 1989 verbracht hat? Das weiß Jutta Conradt noch wie gestern: »Wir saßen in der Küche, als im Radio gesagt wurde, dass die Grenzen auf sind. Wir konnten es gar nicht glauben!«

Am übernächsten Tag, einem Samstag, fährt die Familie die gut 100 Kilometer nach Berlin, um sich die 100 Mark Begrüßungsgeld abzuholen. »Dort waren so viele Menschen, nur Himmel und Menschen«, räumt Jutta Conradt ein, dass sie von den vielen Eindrücken ganz erschlagen war. »Unsere Tochter wollte sich unbedingt einen Walkman kaufen. Deswegen sind wir erst mal in ein Kaufhaus gegangen.« So viele verschiedene Sorten Obst oder Zahnpasta – das kennen die DDR-Bürger gar nicht. Und so kauft Familie Conradt erst einmal eine Kiwi ein – ohne überhaupt zu wissen, wie sie gegessen wird.

Auch in der darauf folgenden Adventszeit kommen die vier aus dem Staunen nicht heraus. Beim Besuch von Familien in Wolfenbüttel und dem dortigen Weihnachtsmarkt gab’s Riesen-Bratwürste, Cola und Barbiepuppen – die kannten die Menschen im Sozialismus nur aus dem Westfernsehen.

Extra-Geld für Urlaub?

Im April 1990 rollt der Trabi der Conradts zum ersten Mal in den Kreis Gütersloh. Sie besuchen die Familie in Verl und beschließen hier zu bleiben. »Mein Mann hat schnell Arbeit gefunden und ist schon vorgegangen. Die Kinder sollten in Sachsen-Anhalt erst das Schuljahr zu Ende machen«, erinnert sich Jutta Conradt und erzählt, wie erstaunt ihr Mann über Zuschläge wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld war: »Wieso bekomme ich extra Geld, wenn ich Urlaub nehme?«, hat er sich damals gefragt.

Inzwischen haben die Conradts in Gütersloh ihr Eigenheim und genießen ihren Ruhestand. Ihre Tochter wohnt mit Enkelkind in Gütersloh, der Sohn ist nach der Ausbildung zurück nach Wittenberg zurück gegangen. Für die Gütersloherin undenkbar.

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