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Planung von Zentralkläranlage: Statt von 16 ist von 36 Millionen Euro Baukosten die Rede - Sparbemühungen laufen

Abwassergebühr könnte sich mehr als verdoppeln

Halle

Der Ausbau der neuen Zentralkläranlage in Halle-Künsebeck wird erheblich teurer als dies bislang kommuniziert wurde. Damit könnte Halles bislang im Vergleich günstige Abwassergebühr auf mehr als das Doppelte ansteigen.

Stefan Küppers

Blick auf die Kläranlage in Künsebeck, die zur Zentralkläralage ausgebaut werden Foto:

Noch gibt es viele Fragezeichen. Und Einsparmaßnahmen sind noch gar nicht alle ausgelotet. Doch nach der jüngsten Sitzung des Bau- und Verkehrsausschusses werden sich die Haller wohl auf eine erhebliche Kostensteigerung beim Ausbau der Zentralkläranlage Künsebeck einrichten müssen. Die Zeiten, in denen Halle über viele Jahre bei den Abwassergebühren zu den 25 günstigsten von knapp 400 Kommunen in NRW zählte, werden wohl der Vergangenheit angehören. Bisher zahlen die Haller eine Gebühr von 1,75 Euro je Kubikmeter Schmutzwasser. Künftig könnten mehr als vier Euro fällig werden.

Die Diskussion über die Erneuerung der Abwasserbehandlung läuft in Halle bereits seit einigen Jahren, wobei die Stadt wegen einer Verfügung der Bezirksregierung auch unter Handlungsdruck steht. 2019 traf die Politik die strategische Grundsatzentscheidung, dass die Stadt Halle ihr Abwasser weiter selbst reinigt und nicht einen möglichen Anschluss an den Abwasserverbund der Städte Bielefeld und Gütersloh (Verbund Obere Lutter) wählt. Seitdem wird der Ausbau der bestehenden Anlage in Künsebeck zu einer neuen Zentralkläranlage für ganz Halle unter Aufgabe der Kläranlage Brandheide verfolgt.

Baukosten mehr als verdoppelt

Noch im Februar 2019 hatte das auf Kläranlagenbau spezialisierte Fachbüro Dahlem im Zuge einer Bedarfsplanung Variantenvergleiche sowohl in Bezug auf die Investitionskosten als auch auf die Betriebskosten vorgelegt. Die alten Berechnungen gingen für eine damals diskutierte Lösung noch von 16,1 Millionen Euro netto aus. Damals hieß es, die Abwassergebühr könnte bei drei Euro landen.

Doch der Vortrag am Dienstagabend des von der Stadt Halle hinzu gezogenen Projektsteuerers Dipl.-Ing. Ralf Fritze vom Fachbüro Bockermann/Fritze hat bei dem ein oder anderen Vertreter im Bauausschuss für Ernüchterung gesorgt. Denn Fritze hatte mal zusammen gerechnet, was in den vergangenen beiden Jahren für den nächsten Schritt, nämlich die Vorentwurfsplanung, an Einzelheiten für die Zentralkläranlage so geplant worden ist. Das unterscheide sich deutlich von dem, was noch vor zwei Jahren in Rede gestanden habe, betonte Fritze. Um sodann seine unangenehme Botschaft zu verkünden.

In der Planung gibt es Einsparpotenziale

Denn nach Fritzes vorläufiger Baukosteneinschätzung bewegt sich das Projekt im schlimmsten Fall („Worst Case“) auf 34 bis 36 Millionen Euro (netto) zu. In dieser Summe seien aber noch sehr viele noch ungeprüfte Faktoren drin wie zum Beispiel eine Baugrundunsicherheit, die er alleine mit acht Millionen Euro taxierte. Zudem sieht Fritze erhebliche Einsparpotenziale, wenn bestimmte Dinge nicht umgesetzt würden. So hält Fritze zum Beispiel eine zweistraßige mechanische Reinigung für gut, aber nicht unbedingt notwendig. Es tue auch eine einstraßige Lösung. Auch Investitionen in eine vierte Reinigungsstufe, die bislang gesetzlich nicht verlangt wird, könnten demnach eingespart werden.

Verlässlichere Zahlen über die tatsächlichen Baukosten auf Basis einer Vorentwurfsplanung sollen erst in der Bauausschusssitzung Ende April vorgestellt werden,

Auch Eckhard Hoffmann, Abteilungsleiter Tiefbau im Rathaus, sieht noch jede Menge Veränderungspotenzial bei der Planung, um die voraussichtlichen Kosten weiter zu drücken. Dazu zählen auch Maßnahmen, die am Dienstag im Bauausschuss beschlossen worden sind. So soll durch den Bau eines großen Retentionsbeckens an der abgängigen Kläranlage Brandheide Niederschlagswasser zurückgehalten und grundgereinigt in den Laibach abgeschlagen werden. Wasser, das in Künsebeck nicht zur Klärung ankommt, senkt die Kosten dort. Auch bei den bisher geplanten Sicherheitspuffern (20 Prozent) gebe es Sparpotenziale.

Warnung vor möglicherweise ausbleibenden Fördermitteln

Nach den Äußerungen von Fritze und Hoffmann kann man wohl davon ausgehen, dass der Kostenhorizont von 34 bis 36 Millionen Euro womöglich eher nicht erreicht wird. Andererseits machte Fritze auch klar, dass die heimlich schon mitgerechneten Fördergelder des Landes NRW (Programm Ressourceneffiziente Abwasserbehandlung, kurz ResA) möglicherweise nicht so fließen wie erhofft. Fritze wies auf entsprechende Warnungen der Bezirksregierung hin. An der Spekulation, ob das eine Folge des allgemein sehr hohen staatlichen Finanzaufwandes in der Corona-Krise sein könnte, wollte Fritze sich nicht beteiligen. Die ResA-Mittel wären in der Summe weitere Millionen-Beträge, die Halle für den Kläranlagenbau fehlen könnten.

Auf Nachfrage am Mittwoch nach dem Ausschuss räumte Hoffmann ein, dass man sich im Planungsteam angesichts der aktuellen Zahlen erschrocken habe. Jetzt müsse weiter an Einsparungen gearbeitet werden. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir am Ende nicht bei 36 Millionen Euro landen werden“, sagte er. Möglicherweise ergeben sich weitere Einspareffekte dadurch, dass die Unternehmen Storck und Baxter die neue Zentralkläranlage mitnutzen. Der mögliche (positive) Kosteneffekt für die Allgemeinheit ist unklar.

Abwassergebühr könnte von heute 1,75 Euro auf mehr als vier Euro je Kubikmeter steigen

Absehbar hingegen ist, dass die Abwassergebühren drastisch steigen werden. Von der vor zwei Jahren erhobenen Prognose von drei Euro je Kubikmeter hat sich Hoffmann verabschiedet. Er hält nunmehr 4,25 Euro in einigen Jahren je Kubikmeter für realistischer, ob mit oder ohne Einspareffekte blieb unklar. Das wären 2,50 Euro oder etwa 150 Prozent mehr als bisher. Teure Aussichten für die Haller.

Ein Kommentar von Stefan Küppers

Natürlich, es muss betont werden, dass im Moment noch nichts klar ist: Aber wenn ein Projektsteuerer in einer öffentlichen Ausschusssitzung einen möglichen Kostenrahmen für die neue Zentralkläranlage von 34 bis 36 Millionen Euro nennt, dann wird die Endsumme im April immer noch eine gewaltige Kostensteigerung gegenüber der vor zwei Jahren genannten Bausumme von 16 Millionen Euro bedeuten. Irgendwie wird sicher manches noch eingespart werden. Doch die neue Zentralkläranlage wird kommen müssen, die Stadt steht unter Druck der Aufsichtsbehörden.

Ärgerlich bei all dem ist, dass die ersten Kostenschätzungen, die von Fachbüros in die Debatte geworfen worden sind, heute hinten und vorne nicht mehr passen. In diesem Falle nicht mal als ungefähre Hausnummer. Auf welcher Grundlage soll Politik so eigentlich seriöse Richtungsentscheidungen treffen? Leider passiert das nicht zum ersten Mal. Und der Gebührenzahler zahlt die Zeche

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