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Martin Rieker erinnert sich vor seinem letzten Klassikfestival an Bach-Tage »backstage«

Bescheidener Bass und Drama mit Diven

Halle (WB). Ein Heldentenor klappt zwischen zwei Monumental-Konzerten zusammen. Zwei Diven versuchen, sich gegenseitig auszustechen. Und ein Hexenmeister auf der Orgel lässt das Publikum in der Kirche warten. Nach 30 Jahren in Halle könnte Kirchenmusikdirektor Martin Rieker so manche Geschichte von den Bach-Tagen »backstage« ausplaudern.

Klaudia Genuit-Thiessen

Sind vorn Tasten zu erkennen? An den Auftritt der Malerin Erika Rauschning, die bei den Haller Bach-Tagen 2002 zur Musik von Jazzmusikerin Barbara Dennerlein malte, hat sich Kirchenmusikdirektor Martin Rieker eine eindrucksvolle Erinnerung bewahrt. Das Bild hängt derzeit im Martin-Luther-Haus.           Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Diskretion ist zwar Ehrensache. Dennoch bleibt einiges im Gedächtnis – wie bei den Damen, die sich im Jahr 2002 in Halle getroffen haben. Die prominente Jazzmusikerin Barbara Dennerlein ist damals engagiert, die Frau, die die Hammond-Orgel B3 im Jazz populär gemacht hat und die schon mit Stars wie Friedrich Gulda aufgetreten ist. Sie kommt samt elektronischer Orgel, die auf einem »lastwagenähnlichen Gerät« gefahren wird und eine eigene Garage braucht. Die attraktive Musikerin mit langen und besonders glänzenden Haaren fordert für ihren Auftritt nicht nur eine exquisite Beleuchtung, sondern auch eine erhöhte Sitzposition, »damit man ihre virtuose Beinarbeit sehen kann«, erinnert sich Martin Rieker an das »Haar-Drama«.

Wenig Pleiten, Pech und Pannen

Und dann trifft sie auf Ursula Blaschkes verstorbene Malerfreundin Erika Rauschning. Die Osnabrückerin, »eine ganz extravagante Person«, war Schülerin von Oskar Kokoschka. Eine expressive Künstlerin, die gern »alles platt walzt«. Der Auftrag der Damen: gegenseitige Inspiration. Die eine mit dem Pinsel in der Hand, die andere mit den Fingern auf den Tasten. Aber hier sollen sich zwei Einzeldarstellerinnen eine Bühne teilen. Weil beide versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen, bleibt es beim Experiment. Der Jazz verklingt. Und eine monumentale und sicher äußerst kostbare Farbexplosion hängt jetzt im Martin-Luther-Haus.

In der familiären Haller Atmosphäre erweisen sich Weltstars als umgängliche Menschen. Rieker: »Durch das Engagement der Storck-Direktoren Michael Hille und Johannes Sasse konnten wir große Musiker hierher holen«. Maria Venuti, eine gefeierte Sopranistin, bleibt ihm beispielsweise als »sehr feine Frau« in Erinnerung. Der berühmte, contergan-geschädigte Bass-Bariton Thomas Quasthoff kommt mindestens dreimal nach Halle. Er benötigt zwar ein extra-hohes Podest, ist aber ein bescheidener Mensch.

Bei den Konzerten gibt es in 30 Jahren wenig Pleiten, Pech und Pannen. Glück hat Rieker sogar, als ein wichtiger Heldentenor nach einer Aufführung von Franz Schmidts »Buch mit sieben Siegeln« im Hotelzimmer psychisch restlos zusammenbricht. Und damit für die Aufführung des gewaltigen Oratoriums am Folgetag in Marienfeld ausfällt. In Bielefeld findet sich Ersatz: Luca Martin kann einspringen. »Ein Glücksfall, dass er die große Opernpartie drauf hatte«, freut sich Martin Rieker noch heute, dass er das Konzert nicht absagen muss.

Warten auf den Großmeister

Bei der Matthäus-Passion geht ein erwachsener Sänger schon einmal wegen Kreislaufproblemen zu Boden. Aber natürlich hat der Chorleiter bei langen Stücken, in denen der Chor steht, auch immer die jungen Mädchen im Blick. Lieber hinsetzen als umkippen, lautet die Ansage. Apropos sitzen: Gut 200 Zuhörer sitzen 2010 in der Kirche, als Großmeister Matthias Eisenberg auf sich warten lässt. Um bloß nichts von den Künsten des begnadeten Organisten zu verpassen, sind viele Musikfreunde vorsorglich, aber unnötigerweise 30 Minuten früher gekommen. Haben ihre Plätze mit Handtaschen und Hüten symbolisch besetzt wie andere die Liegestühle auf dem Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffes. Und warten und warten … Nicht vergeblich. Als der gewichtige Musiker schließlich auf der Orgelbank Platz nimmt, greift er ganz tief in die Schatzkiste der Musik. Ganz große Oper in Halle!

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