Bad Rothenfelde

„Das gemeinsame Ziel vereint uns“

Bad Rothenfelde

»Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.« Mit diesen Worten beendet Versammlungsleiter Dennis Spellbrink seinen Redebeitrag.

Johannes Gerhards

Etwa 100 Menschen, darunter viele Beschäftigte des Carpesol, versammelten sich am Muttertag, um ihre Forderung nach Öffnungsperspektiven zu unterstreichen. Foto: Johannes Gerhards

Der Geschäftsführer der Carpesol GmbH & Co. KG hat die Kundgebung in Eigenregie vorbereitet und ist nach eigenen Angaben bei unterschiedlichen politischen Ebenen auf wohlwollende Zustimmung gestoßen.

Das unterstreicht die Anwesenheit des Bundestagsabgeordneten Dr. André Berghegger, von Landtagsmitglied Martin Bäumer und Klaus Rehkämper, Bürgermeister und Kurdirektor von Bad Rothenfelde als Gäste der Veranstaltung. Alle vereint unwidersprochen Spellbrinks Feststellung vom »gemeinsamen Ziel nach Rückkehr zum normalen Leben«. Nach 14 Monaten Pandemie, in denen das Carpesol nur fünf Monate mit reduzierten Kapazitäten geöffnet war, liegen bei vielen die Nerven blank.

»Ich sehne mich danach, wieder in Gesichter zu schauen und mit einem Lächeln begrüßt zu werden«, ruft Dennis Spellbrink vom Balkon des Carpesol ins Publikum und erntet Applaus. Knapp einhundert Menschen haben sich coronakonform auf der Wiese versammelt, Personen mit kruden Ansichten sind nicht darunter. Dennis Spellbrink sieht sich bestätigt in seiner Einschätzung, dass sich 95 Prozent im privaten und beruflichen Umfeld an die Regeln halten. Deswegen sei die Organisation der Kundgebung auch verantwortbar gewesen. Schließlich sei die Situation für alle existenziell wichtig, der psychische und wirtschaftliche Ausnahmezustand nicht mehr viel länger zu ertragen.

Die finanzielle Lage des Carpesol untermauert Spellbrink mit Zahlen. Normalerweise mache sein Unternehmen im November und Dezember etwa 800.000 Euro Umsatz. Die mit Verspätung von 121 Tagen endlich ausgezahlten Novemberhilfen hätten lediglich 50 Prozent und nicht die angekündigten 75 Prozent betragen. Von Januar bis April liege der Umsatz in der Regel bei 1,6 Millionen Euro, die laufenden Kosten bei 750.000 Euro. Der Überbrückungshilfe-Anspruch wird mit 320.000 Euro beziffert, laut Dennis Spellbrink ist das »sehr weit weg von den versprochenen 90 Prozent«.

Seit 2016 habe das Carpesol einen jährlichen Gewinn von 100.000 Euro erzielt, inzwischen seien Verbindlichkeiten von einer Million Euro aufgelaufen, für deren geschäftlichen Ausgleich mindestens zehn Jahre benötigt werden. »Ich bin ungern Bittsteller, möchte aber meine Brötchen wieder selber verdienen«, sagt der Carpesol-Geschäftsführer. Inzidenzbasierte Öffnungen bezeichnet er als schlechte Lösung, schließlich sei aus allen 6000 Bädern in Deutschland kein einziger Ansteckungsfall bekannt.

»Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, das Carpesol für Besucher sicher zu machen«, verspricht Dennis Spellbrink, und kündigt an, im Außenbereich der Gastronomie ein Testzentrum für alle Bürger aus Bad Rothenfelde und Dissen einzurichten. »Die Krise hat nicht nur gesundheitliche, sondern auch wirtschaftliche und soziale Folgen«, betont Betriebsrat Stephan Marquardt. Weil das Carpesol als gesundes Unternehmen gänzlich unverschuldet in so eine Schieflage geraten ist, werde »heute und jetzt eine Lösung« benötigt.

Sebastian Zöppel von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten beklagt einen 40-prozentigen Umsatzeinbruch in seiner Branche. Dazu hätte jeder zehnte Vollbeschäftigte seinen Arbeitsplatz verloren, im Bereich der Minijobber liege dieser Anteil sogar bei einem Viertel. Die drohende Abwanderung von Fachkräften und ein spürbarer Rückgang um 25 Prozent im Ausbildungsbereich könnten sich auch bei kommenden Öffnungen katastrophal auswirken. Zöppel plädiert für ein Mindestkurzarbeitergeld von 1200 Euro, die Stützung der Ausbildungsmöglichkeiten und einen umfassenden Dialog zwischen den Sozialpartnern.

Wie genau die kommenden Öffnungsschritte im Carpesol aussehen, kann niemand vorhersagen. Zugang nur für Geimpfte ist für Dennis Spellbrink keine Option. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft lehnt er entschieden ab. Auch wenn Teilöffnungen sich aus wirtschaftlicher Sicht kaum lohnen, zieht er solche im Sinne seiner Kundschaft und zur Abfederung der laufenden Kosten in Erwägung, sobald es wieder erlaubt ist.

Dann wird auch Manuela Karsten als eine von insgesamt 92 Beschäftigten im Carpesol wieder am Empfang sitzen. Ihre Überzeugung bringt sie mit dem Plakat »Wir stehen für eure Gesundheit« zum Ausdruck.

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