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Corona belastet auch Bestatter

„Die fehlende Nähe schmerzt sehr“

Halle-Hörste

„Ich habe keine Angst vor einer Ansteckung“, sagt Thomas Kremer wie es seine Art ist frei heraus. Die größte Belastung für den Bestatter aus Hörste ist nicht die Infektionsgefahr. Es ist etwas ganz anderes, etwas Zwischenmenschliches. „Ich empfinde einen riesengroßer Schmerz, dass ich den Trauernden nicht die sonst selbstverständliche körperliche Zuwendung entgegenbringen kann“, sagt er.

Kerstin Eigendorf

Bestatter Thomas Kremer aus Hörste möchte, dass sich die Angehörigen von Verstorbenen in seinem Bestattungshaus wohl fühlen. Die Corona-Einschränkungen sorgten ohnehin genug dafür, dass sonst übliche körperliche Zuwendung schwierig sei. Foto: Kerstin Eigendorf

Diese Zeitung hat den 58-Jährigen bereits zu Beginn der Pandemie, im ersten Lockdown, besucht. Seitdem hat sich einiges verändert. Damals hatte Kremer noch keinen Corona-Verstorbenen bestattet. Mittlerweile hat er es drei Mal erlebt. „Meist sterben die mit Corona infizierten Menschen im Krankenhaus oder im Altenheim.“ Um Weihnachten sei die Situation in den Kliniken so dramatisch gewesen, dass ein Krankenhaus bei ihm angerufen habe, um zu erfahren, ob er für einen bestimmten Patienten zuständig sei. „Sie suchten nach dem beauftragten Bestatter, damit der Verstorbene schnell abgeholt werden konnte und wieder Platz war“, erinnert sich Kremer.

Der an Covid-19-Verstorbene soll nicht angefasst werden

An das Prozedere beim Abholen eines an Corona verstorbenen Menschen wird er sich nie gewöhnen. „Der Verstorbene liegt in einem luftdichtverschlossenen Leichensack und immer wieder wird einem gesagt, dass man ihn bloß nicht anfassen soll“, erzählt der Bestatter, der 2018 sein Bestattungsinstitut in Hörste als Gewerbe anmeldete. Er selbst müsse Schutzkleidung, Maske und Schutzbrille tragen, informiert er.

All das sei ja noch irgendwie tolerabel. Was allerdings für ihn schrecklich bleibt, ist die Tatsache, dass er dem Verstorbenen nicht mehr die sonst übliche und wichtige Ehre erweisen kann. „Sonst wasche ich den Verstorbenen und ziehe ihm seine ganz persönlichen Sachen an“, berichtet er. Während er das erzählt, fallen ihm sofort so viele Geschichten von Abschieden ein, die er nie vergessen wird. Da ist der kleine Junge, der beim Anblick des geliebten Opas sein eigentlich unverzichtbares Kuscheltier mit auf die Reise in den Himmel gibt. Oder die Familie, die gemeinsam um den Verstorbenen steht und diesen Moment trotz aller Tragik genießt, weil sie als Gemeinschaft Abschied nehmen können. „Dieser wichtige Moment fällt bei einem Menschen, der an Covid 19 verstirbt, völlig weg.“

An den Verstorbenen heftet ein behördlicher Warnhinweis

Thomas Kremer ist sich immer bewusst, dass eine Infektionsgefahr besteht. Ein bei jedem Corona-Verstorbenen liegender Warnhinweis mit roten Lettern und dem Wort INFEKTIÖS würde es ihn ohnehin keine Sekunde vergessen lassen. „Ich habe allerdings auch schon Menschen bestattet, die an Aids oder MRSA verstorben sind, und da besteht eine viel größere Ansteckungsgefahr“, betont er.

Zudem gehört Thomas Kremer seit einigen Wochen zu denjenigen, die bereits einmal gegen Covid 19 geimpft wurden. Obwohl Bestatter auf der Impfliste nicht ganz oben stehen. „Als in den Haller Seniorenheimen geimpft wurde, rief mich plötzlich eine Leiterin an und fragte, ob ich schnell kommen könne.“ Das tat er. Er bekam eine Impfdosis aus den Resten der geimpften Heimbewohner. Nicht weil er laut „Hier“ gerufen hat, sondern weil er als Hospizhelfer arbeitet. „Die Einrichtungen waren der Meinung, dass unsere Arbeit auch für sie so wichtig ist, dass wir schnell geimpft sein sollten.“ In Bayern gelten Bestatter im Übrigen ohnehin als systemrelevant.

Sarg desinfizieren und Verstorbene im Leichensack hineinlegen

Sarg desinfizieren, Verstorbene im Leichensack in den Sarg legen oder mit ihm verbrennen lassen, bei null Grad und separiert von anderen Verstorbenen bis zur Bestattung unterbringen: All das gehört zur Diagnose Corona dazu. Was aber weitaus dramatischer ist, gilt für alle Menschen, die momentan einen geliebten Menschen verlieren – auch ohne die Diagnose Corona. „Alle Beerdigungen laufen völlig anders ab. Auch wenn mittlerweile hier in Halle im Gegensatz zum Frühjahr 2020 wieder bis zu 30 Personen dabei sein dürfen, sind die Einschränkungen massiv“, weiß Bestatter Kremer. Alleine das Trauergespräch mit Maske, ohne Mimik, mit Abstand irritiere ihn jedes Mal aufs Neue. „Die fehlende Nähe schmerzt sehr.“

Wer den gefühlsbetonten und offenen 58-Jährigen kennenlernt, weiß sofort, was er meint. Er ist ein Herzensmensch. Jeden Tag begrüßt er seine verstorbene Mama, an die ein Foto auf dem Klavier im Bestattungshaus erinnert. Dann werden Kerzen angezündet. Seine morgendliche Runde, nennt er es. „Auch ein Bestattungshaus soll ein gemütlicher Raum sein.“ Kremer selbst weiß genau, wie sich Trauer anfühlt. Hat der Vater zweier Söhne doch binnen kürzester Zeit seine drei Monate alte Nichte, seine Schwester und später kurz hintereinander seinen geliebten Schwager und seine Mutter auf dem letzten Weg begleitet. Auch der Hirntumor seines damals zweijährigen Sohnes Paul hat ihn geprägt. Heute ist dieser 20 Jahre alt und hilft im Familienunternehmen mit.

Auch wenn viele Menschen den Beerdigungskaffee in diesen Zeiten als nicht so wichtig bezeichneten, weist der Bestatter auf die Bedeutung dieses jetzt wegfallenden Treffens der Trauernden hin. „Das hat nichts mit Gackern und Essen zu tun“, betont er. Es sei viel mehr die Würdigung des Verstorbenen. „Ich habe so oft erlebt, wie beim Beerdigungskaffee alte Geschichten erzählt wurden über den Verstorbenen und auch hier und da auf sein Wohl angestoßen wurde.“ Diese Momente seien gerade für nahe Verwandte tröstlich. „Dass solche Dinge wegfallen, ist einfach sehr schmerzhaft.“

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