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Tourservice Lichtdesign schildert Corona-Auswirkungen auf die Konzertbranche

Dunkle Zeiten für Haller Lichtprofis

Halle   (WB). Teddy Goetz ist einer der bekanntesten Lichtprofis in Deutschland und Mitteleuropa. Seit nunmehr 41 Jahren ist der mehrfach preisgekrönte Lichtdesigner im Showbusiness unterwegs. Sein in Halle beheimatetes Unternehmen »Tourservice Lichtdesign« hat nach seinen Angaben immer solide gewirtschaftet und ist dennoch akut bedroht. »Infolge des Stillstands auf dem Veranstaltungssektor verbrennen wir monatlich einen großen fünfstelligen Betrag«, gibt Goetz zu bedenken.

Johannes Gerhards

Daniel Kühnpast (links) und Teddy Goetz blicken skeptisch auf die gegenwärtige Situation im Showgeschäft. Im Hintergrund hängt ein analoges Mischpult, das bereits 1998 bei einer Santana-Tournee zum Einsatz kam. Foto: Johannes Gerhards

So langsam werde die Lust auf Veranstaltungen flächendeckend »runtergekocht«, es stelle sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zwischen Infektionsschutz und Wirtschaftlichkeit. »Unser Job hat auch etwas mit Begeisterung und Leidenschaft zu tun«, ergänzt Projektleiter Daniel Kühnpast. Er ist Fachkraft für Veranstaltungstechnik und sieht zurzeit die gesamte Branche bedroht. »Unsere Auftragsbücher waren voll, dann mussten wir von 100 auf null zurückschalten«, sagt er mit wehmütigem Blick in die Lagerhallen, wo sich Kisten voller Lichttechnik stapeln, die normalerweise deutschlandweit im Einsatz wären.

Stillstand bei den kreativen Ideen

Eine große Musicalproduktion mit mehr als 100 Mitwirkenden musste komplett eingestellt werden – und das bei einer Vorlaufzeit von rund drei Jahren. Derzeit sieht es so aus, dass bis 2022 nur aufgeschobene Wiederholungen realisiert werden. Stillstand herrscht auf dem Gebiet neuer kreativer Ideen. So schnell kommt man da nicht mehr auf die Beine, mutmaßt Teddy Goetz, der schon Santana und die Beach Boys auf Tourneen lichttechnisch betreut hat und 2002 mit dem Deutschen Bühnenpreis für »wegweisendes Showlicht bei TV Übertragungen« ausgezeichnet wurde.

Teddy Goetz hat nachgerechnet, dass für eine Veranstaltung je nach Aufwand zwischen 70.000 und 160.000 Euro an Kosten anfallen. Darin sind Hallenmiete, Künstlergagen, Veranstaltungstechnik und Marketinggebühren enthalten. Mit reduzierten Zuschauerzahlen könne sich jeder ausmalen, wie hoch bei 150 Gästen die Ticketpreise sein müssten, um wirtschaftlich arbeiten zu können.

»1.000 Leute in der OWL-Arena reichen da bei weitem nicht aus«, findet auch Daniel Kühnpast. Dabei gebe es doch durchaus Möglichkeiten, mittels personalisierter Eintrittskarten eine lückenlose Rückverfolgung zu dokumentieren. »Eigentlich wollen wir ganz oder gar nicht, alles andere macht keinen Spaß und ist auch unwirtschaftlich« so Kühnpast, der sich fragt, was von der Branche in ein paar Monaten noch übrig ist, und in welche Richtung sich die Kultur von beliebten Großveranstaltungen entwickelt.

Soforthilfen nicht zielgerichtet

Staatliche Rettungspakete und Soforthilfen sind in seinen Augen nicht zielgerichtet. Viele der Soloselbstständigen, mit denen Tourservice Lichtdesign zusammen arbeitet, könnten sich nach anderen Beschäftigungen umsehen, befürchtet er. Teddy Goetz lenkt den Blick auf die Situation der Auszubildenden. Logistik lasse sich nicht simulieren, die wichtigsten Erfahrungen entstünden beim »Learning by Doing«. Gerade hat er zwei neue Azubis eingestellt, einer von vier weiteren wurde unlängst übernommen. »Denen fehlt ein Jahr Praxis, was soll ich denn ohne Veranstalterjob beibringen?«, fragt er sich nicht zu Unrecht.

Seit einigen Monaten wendet er sich direkt an die Entscheider und lädt Politiker aller Parteien in seinen Betrieb ein. »Viele von denen waren nicht im Bilde, wie es bei uns abläuft«, hat Teddy Goetz festgestellt. Notsignale wie die Aktion »Night of Light«, an der sich bundesweit 9.000 Unternehmen beteiligten, würden zwar als beeindruckend wahrgenommen hätten aber nicht die erforderlichen Konsequenzen. »Wir brauchen einen bundeseinheitlichen Fahrplan, an den sich alle halten müssen«, fordert Teddy Goetz, es könne nicht sein, dass der »kleine Beamte« am Ende der Kompetenzkette die letztliche Entscheidung auf lokaler Ebene treffen müsse.

Bei aller Ratlosigkeit werde er weiterhin konstruktive Hinweise liefern und den Dialog suchen. »Wir hoffen immer noch, unsere Eigenmotivation und Leidenschaft nicht zu verlieren«, so lautet sein vorläufiges Fazit.

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