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Kranzniederlegung und Festansprachen für das Phantom Otto Bögeholz

Ein Dichter, den es nie gab

Halle (WB). So einen festlichen Akt hat das Wasserschloss Tatenhausen bei Halle wohl noch nicht erlebt: Am Samstag, dem 23. Juni, um 14 Uhr gibt es vor den Toren Fanfarenbläser, Festansprachen und eine Kranzniederlegung für den berühmten Heimatdichter Otto Bögeholz. Den kennen Sie nicht? Kein Wunder!

Klaudia Genuit-Thiessen

Drei Herren im Gewand der »Schlaraffia Ravensbergia« postieren sich an der berühmten Bögeholz-Eiche: die Ritter »Phil’-Phras« (Dieter Liedtke), »Mimetti« (Stefan Gohlke) und »Macht ja nichts« (Reinhard Söhlke). Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Bögeholz ist ein Phantom mit äußerst skurriler Geschichte: Mann, Werk und Lebensgeschichte sind ausgedacht – eine Eulenspiegelei auf höchstem Niveau.

Rollenspiele sind keine Erfindung der Neuzeit, ebenso wenig wie Fake-News. Paradebeispiel dafür ist der Journalist, Schriftsteller und Heimatdichter Otto Bögeholz, der von 1805 bis 1895 gelebt haben soll. Er hat einen Facebook-Eintrag. Man findet seinen Namen im Internet. Aber auch im wirklichen Leben: In Braunschweig hat man eine Straße nach ihm benannt. Und im Gasthof Tatenhausen gibt es eine Otto-Bögeholz-Stube.

Ritterspiel mit festgelegtem Zeremoniell und doppeltem Boden

Den Sohn eines Colons und Hilfsbademeisters hat die »Schlaraffia Ravensbergia« erfunden. Sie gehört zu einem deutschsprachigen, aber internationalen Männerbündnis mit viel Sinn für Kunst, Freundschaft und vor allem Humor, das seit 1894 in Bielefeld ansässig ist. Geist und Gaga haben sich vereint. »Die Schlaraffia wurde 1859 in Prag gegründet. Aber die Spielregeln gelten noch heute, und sie garantieren, dass es nach wie vor funktioniert«, erklärt Ritter »Macht ja nichts« (alias Reinhard Söhlke).

Der 67-jährige aus Rheda-Wiedenbrück ist »Oberschlaraffe«, einer von denen, die bei ihren Zusammenkünften dem Ritterspiel mit festgelegtem Zeremoniell und doppeltem Boden, Ironie und Schlagfertigkeit frönen. Bei den geselligen Runden kann jeder zum Thema des Abends das Wort ergreifen, und sei es noch so verquer, Verse vortragen oder musikalische Beiträge beisteuern. Aber maximal drei Minuten. Ausgespart bleiben nur Politik, Religion und jegliche Geschäftemacherei.

Mindestens eine Hundertschaft von »Schlaraffen« aus den »Reychen Cell-Erika und Ravensbergia« und anderswoher reitet am kommenden Wochenende in den Tatenhausener Tann ein. Denn es jährt sich zum 50. Mal der Tag, an dem dort zum bleibenden Gedenken des Dichter-Poeten eine Eiche gepflanzt wurde. Nach einem literarisch-musikalisch-spirituellen Spaziergang zur Waldkirche Stockkämpen, wo Bögeholz (vermeintlich) seine letzte Ruhe gefunden hat, gibt es dort szenische Darstellungen aus den Werken des Dichters.

Eine Stunde später richten die »Oberschlaraffen« der Kunst direkt neben dem Parkplatz vis-à-vis dem Gasthof Tatenhausen blau-weiße und rot-weiße Bänder aus. Dann wird dem unvergessenen, wenn auch von der Allgemeinheit vernachlässigten Meister die Ehre zuteil, die ihm nach Ansicht der »Schlaraffen« gebührt. Es folgen Festansprachen zu Otto Bögeholz’ Leben und Wirken und seiner Bedeutung im »Uhuversum«. Ritter Mimetti, 75 (Stefan Gohlke) aus Bielefeld: »Wir verneigen uns vor dem Vogel der Weisheit.«

Mythos Bögeholz in den 60ern wiederentdeckt

Die Dichter-Eiche grünt nach wie vor: In den 60er Jahren haben findige »Schlaraffen« aus der Celler »Schlaraffia« den Mythos Bögeholz wiederentdeckt. Einen Poeten, dem 150 Gedichte zugeschrieben werden, der angeblich auf Du und Du mit dem Dichterfürsten Goethe stand, für die »Gartenlaube« schrieb, mit Heinrich Heine und Theodor Storm Briefwechsel unterhielt und dem die Steinhagener Brennerei Schlichte einst ein lebenslanges Steinhäger-Deputat zugesagt haben soll. 2002 und 2005 erschien die zweite Auflage der Bögeholz-Bände »Alles ist Gefühl« und »Gefühl ist alles«.

Gleichwohl nahm man lange Zeit an, dass Otto Bögeholz nur eine Kunstfigur darstellt und dem wissenschaftlichen Witz zugeordnet werden müsse: ein erdichteter Dichter. Jüngere Forschungen hingegen sowie ein 2010 aufgefundener (fiktiver) Briefwechsel bestätigten seine Identität, heißt es in einschlägigen »Schlaraffen«-Veröffentlichungen. Das Gelächter geht weiter.

Ein Bögeholz-Gedicht:

Die Welt ist schön, doch wurd sie schöner

allein durch Frieda Nölkenhöner,

den hohen Himmel fleh ich an

mach uns zu Braut und Bräutigam,

der Wahnsinn rast, mir brennt die Kehle

erquicke meine arme Seele

ein Blick von ihr, – ein zarter Kuss

vor Sehnsucht ich dann sterben muss

ach wäre sie in Bälde mein,

sie würde dann mein Bettschatz sein

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