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Bach-Tage-Konzertabend im Storck-Treffpunkt Halle verzaubert 550 Zuhörer

Ein ganz starkes Stück

Halle (WB). Ja, die Liebe ist ein rebellischer Vogel! Sie kann auch in romantisch-schwarzem Gothic-Styling daher kommen. Mit wilden Locken, Lederhose und kniehohen Stiefeln. Wenn sie so auftritt wie Nemanja Radulović und sein Streicher-Ensemble, dann verfällt ihr auch das Publikum der Haller Bach-Tage auf Anhieb.

Klaudia Genuit-Thiessen

Ein Team-Player im Miteinander auf der Bühne: »Nemanja Radulovic & Les Trilles du Diable« lassen sich vom Publikum im Storck-Treffpunkt feiern nach einem hinreißenden Konzert voller klassischer Bravourstücke mit Bach’schen Einflüssen. Fotos: Klaudia Genuit-Thiessen

Eine Provokation für Klassik-Fans? Das hinreißende Konzert des serbischen Ausnahme-Geigers und seiner exquisiten Begleiter genießen am ersten Bach-Tage-Wochenende 550 Besucher im Storck-Treffpunkt. »Eine Liebeserklärung an J.S.B.« – das ist ein Parforce-Ritt quer durch alle Genres, aber immer mit den Stilmitteln der Klassik.

Wieder einmal ist Bach eine musikalische Quelle, aus der alle schöpfen. Wo hat der Großmeister Pate gestanden? Der Abend startet mit Prélude und Allegro des österreichstämmigen Komponisten Fritz Kreisler (1875 – 1962). Der warm-schmelzende Ton seiner Instrumente entsprach dem legendären Alt-Wiener Geigenklang. Kreisler soll eine eindrucksvolle Sammlung von Guarneris und Stradivaris besessen haben. Nemanja Radulović spielt tatsächlich auf einer namenlosen Geige aus dem 19. Jahrhundert, die möglicherweise nicht schlechter als die berühmten Schwestern klingt. Oder liegt es an seinem Spiel? Die Saiten schwingen im Flageolett zu reinen Obertönen. Wiener Herrlichkeit als Auftakt. Radulović lässt sie singen, sirren und flirren. Alles übrigens ohne Noten.

Und immer in engem Blickkontakt mit dem international besetzten Ensemble, das seit zwölf Jahren zusammen spielt: Katia Istomin (Bratsche), Anne Biragnet (Cello), Fréderic Dessus und Guillaume Fontanarosa (Geigen) sowie Nathanaël Malnoury (Kontrabass) bilden zusammen »Les Trilles du Diable«. Die »Triller des Teufels« kommen optisch weniger schillernd daher als der junge Frontmann. Doch ihr Spiel mit dem Solisten ist ein echtes Miteinander.

In den mal zarten, mal wilden Zirkel der Musik nehmen die Musiker auch das Publikum mit. Nemanja Radulović bittet darum, keine Fotos zu machen. Eine Aufforderung, der mancher nicht ganz so gern nachkommt. Schließlich ist Radulović ein echter Hingucker. Doch die Musiker brauchen den Kreis der Konzentration.

Bei Mozarts bezauberndem Adagio & Rondo. Und erst recht bei Bachs berühmter Chaconne in d-moll für Solovioline. Die spielen die Sechs an diesem Abend in einer Bearbeitung von Marc-Olivier Dupin. Radulović ist ein Team-Player und die freien Variationen Bachs über einem ständig wiederholten Bass-Thema sind auch in diesem Streicher-Arrangement faszinierend. Technisch soll das starke Stück übrigens eines der schwierigsten Werke der Violinliteratur sein.

Viel zu früh kommt für viele Zuhörer die Pause. Die Storck-Kantine, in der zu Beginn des Abends noch das Surren der Klimaanlage auffällt, wird zu einem Salon für ein intimes Kammerkonzert, den sie nur ungern verlassen. Aber umso lieber zurückkehren.

Radulović lässt alles leicht aussehen: die berühmte »Habanera« aus der »Carmen«, »L’amour est un oiseau rebelle« in einer Bearbeitung von Pablo de Sarasate, Niccolo Paganinis »Cantabile«, ein lyrisches, langsames und überaus anspruchsvolles Stück mit netter Melodie, und die glamourösen »Scènes de Ballet« von Charles-August de Bériot (1802 – 1870). Pizzicato-Momente folgen auf Unisono-Passagen und ein lauter Seufzer entweicht aus den Reihen der Zuhörer. Wie kommen bloß diese Töne zustande?

Herzzerreißend-ergreifend weinen Geigen und Cello im Thema aus John Towner Williams Musik aus dem Film »Schindlers Liste«, nehmen Fahrt auf bei Emir Kusturicas »It’s a man’s world«, um dann in wildem »Csárdás« zu tanzen. Und sich in einer Zugabe feiern zu lassen, in der »Gimme! Gimme! Gimme! (A man after midnight) grüßt. Inspiriert von BA-ch war wohl selbst ABBA. Man sieht’s doch gleich im Namen.

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