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Rektor Frederkings »Kriegschronik« im virtuellen Haller Museum

Ein schonungsloser Einblick

Halle (WB). Vor genau einem Jahr wurde durch einen Zufallsfund im Kreisarchiv das Kriegstagebuch aus dem Ersten Weltkrieg von Christian Frederking (1860 – 1945) wieder entdeckt. Unter Federführung von Wolfgang Kosubek wurde das Manuskript in die heute übliche Schrift »übersetzt« und ist ab sofort online abrufbar.

Johannes Gerhards

Wolfgang und Katja Kosubek sitzen am Originalschauplatz im ehemaligen Gasthaus Brune, als sie die transkribierte Frederking-Chronik vorstellen. »Zum Teil ist es schon harte Kost«, gibt Wolfgang Kosubek zu. An manchen Tagen sei er zu aufgewühlt und erschöpft zum Weiterlesen gewesen. Ingeborg Stubenrauch half ihm, die vielen Seiten durchzuarbeiten. Foto: Johannes Gerhards

Das seltene Zeitdokument bezeichnen der Historiker und Stadtarchivar von Borgholzhausen und Versmold, Dr. Rolf Westheider, und Ralf Othengrafen vom Kreisarchiv als wichtige Quelle, die ganz viel hergibt. Im Originalton sind lebensnahe Details des örtlichen Geschehens und das damals verbreitete – aus heutiger Sicht zum Teil verstörende - Denken der Deutschen nachzulesen. »Wir haben die einzelnen Seiten akribisch Wort für Wort synchronisiert und Frederkings Orthografie unverändert übernommen«, sagt Halles Hobbyhistoriker Wolfgang Kosubek.

Zum Download bereit

Die 560 Seiten sind in zwei Bänden zusammengefasst und auf der Webseite www.haller-zeitraeume.de als pdf-Datei zum Download bereitgestellt worden. »Das Gesamtwerk kann dort vollständig gelesen und per Suchfunktion nach Stichworten durchforstet werden«, erklärt Dr. Katja Kosubek als Leiterin des virtuellen Museums.

Sie sitzt zusammen mit ihrem Vater Wolfgang am Stammtisch im ehemaligen Gasthaus Brune, das Bernhard Seeger heute als »Kunst- und Kulturhaus« betreibt. »Hier hat sich Christian Frederking regelmäßig mit den Haller Honoratioren wie Kommerzienrat Eduard Kisker, Rechtsanwalt Stauderer und Carl-Heinrich Brune zum Abendschoppen getroffen, um die Kriegslage zu besprechen«, sagt Katja Kosubek. Zwischen 1898 und 1922 war Frederking Rektor der »Höheren Privatschule für Knaben und Mädchen« an der Kaiserstraße 10 in Halle.

Aufgeheizte Stimmung

»Bei Beginn des Ersten Weltkrieges hat er im Bewusstsein der bedeutsamen Ereignisse mit seinen Aufzeichnungen begonnen und die aufgeheizte Stimmung beschrieben«, sagt Wolfgang Kosubek. Dabei schöpfe er aus einem unglaublichen Sprachschatz, in dem bereits gleiche Redewendungen wie heute auftauchen.

»Man kann in das Geschehen vor Ort eintauchen und miterleben, wie die Weltgeschichte ihre Furchen in die Gesichter der Haller zieht«, so beschreibt es Katja Kosubek recht eindrucksvoll. Hasserfüllt blickt der standhafte Monarchist und spätere stramme Nationalsozialist auf das Feindbild England und bejubelt mit diebischer Freude dessen Kriegsverluste. Ohne erkennbare Empathie schildert er den massenhaften Tod bei Freund und Feind.

Nur wenig Mitleid

Momente der Nachdenklichkeit tauchen nur selten auf, etwa wenn ins Feld ziehende Soldaten im Mai 1915 vom Kinderchor mit den Worten »Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod« verabschiedet werden. Frederking unterstützte an der Heimatfront jegliche Art von Kriegssammlungen und »Liebesgaben« für Frontsoldaten, dabei durfte die »gute Zigarre« nicht fehlen, schreibt Wolfgang Kosubek im Vorwort der Chronik. Nach Kriegsende versinkt Frederking dagegen in Trübsal. Er hegt Suizidgedanken und kann sich kaum motivieren weiterzuschreiben.

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