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100 »Schlaraffen« aus ganz Deutschland würdigen den erdichteten Dichter - mit Video

Eine Ehre für Bögeholz und seine Eiche

Halle (WB). Vor der Gaststätte gegenüber dem Wasserschloss Tatenhausen haben sich Menschen in prunkvollem Ornat zu einem Festmarsch aufgestellt. Reich dekorierte Zeremonienmeister schreiten am Samstag dem Zug voran. In den Händen halten sie einen Kranz mit blau-weißen und rot-weißen Bändern.

Johannes Gerhards

Die Abgesandten der humoristischen Vereinigung »Schlaraffia« versammeln sich im Tatenhausener Wald, um des Dichters Otto Bögeholz zu gedenken Fotos: Gerhards

Es ist keine religiöse Prozession, kein verirrter Karnevalszug und erst recht kein Fan-Ritual zur Fußball-WM. Wer dem Umzug folgt, wird auf dem Parkplatz zu Füßen einer eher unscheinbaren, hageren Eiche Zeuge der skurrilen Gedenkstunde, die einem gewissen Otto Bögeholz (s.a. WB vom 22. Juni, OWL-Seite) gewidmet ist.

Auf den Tag genau vor 50 Jahren berichtete das Westfalen-Blatt unter dem Titel »Phantom im Tatenhausener Wald« über die Anpflanzung dieser Eiche zu Ehren eines Dichters, den es nie gegeben hat. Zeitzeuge »Ritter Herzken, der Einfallspinsel« erinnert sich noch genau an den damaligen Festakt mit Herren in Frack und Zylinder unter Leitung des damaligen Oetker-Beraters Wilhelm Kebschull als »Ritter ProKontra«.

Präpubertärer Zustand

Heute zeige sich die Eiche im für sie präpubertären Zustand, noch zerzaust, aber auch verjüngt durch Friederike, einer stürmischen Namenscousine der lebenslang verehrten Herzallerliebsten von Otto Bögeholz, sagt der »Oberschlaraffe des Äußeren« Ritter Salaris, dessen profaner Name Peter Waschitzki lautet. Als Zeitgenosse von Theodor Storm und Johann Wolfgang von Goethe sei der erdichtete Dichter Bögeholz ein Vorläufer der Umweltbewegung gewesen, der sich schon damals für die Bechsteinfledermaus eingesetzt habe.

Heute, im Zeitalter von Fakenews und flexiblen Wahrheiten, müsste man Otto Bögeholz erfinden, falls er nicht gelebt hätte, lautet die von allen mit Beifall bedachte Botschaft. Zum Gedenken an den Phantomdichter haben sich in Tatenhausen über 100 Schlaraffen aus dem deutschsprachigen Raum versammelt. Nach einem »literarisch-musikalisch-spirituellen Spaziergang« nach Stockkämpen zur angeblichen Ruhestätte von Otto Bögeholz widmen sich die Schlaraffen in Tatenhausen bei ihrer »Festsippung« Leben und Wirken des erfundenen Dichters und frönen anspruchsvollem Humor im Zeichen des Uhus, dem listig grinsenden Vogel der Weisheit.

Persiflage auf Titelsucht und Vorteilsdenken

Sie spielen seit über 150 Jahren ihr fröhliches künstlerisches Spiel, bei dem ihnen anstelle gebratener Tauben geistige Genüsse zufliegen. Im Oktober 1859 haben Theaterleute in Prag aus Protest gegen ihre Nichtzulassung zu offiziellen Vereinigungen diesen besonderen Freundschaftsbund gegründet. Viele ihrer Rituale verstehen sich als Persiflage auf Titelsucht und Vorteilsdenken durch Beziehungen. »Schlaraffia ist einer der ältesten Kulturvereine im deutschsprachigen Raum und hat selbst Nazizeit und DDR überstanden«, betont ein Abgesandter der aus über 260 als »Reyche« bezeichneten Ortsgruppen bestehenden Organisation. Ihre mehr als 10.000 ausschließlich männlichen Mitglieder nutzen eine kleine Anstecknadel mit Perlenkopf als Erkennungszeichen und wählen die Universalformulierung »Lulu« zur Begrüßung, als Hochachtungs- und Beifallsbekundung.

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