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Halles erste Gleichstellungsbeauftragte Eva Sperner geht in den Ruhestand

Einzelkämpferin und Netzwerkfrau

Halle (WB). Als der Hausmeister damals „Fräulein Sperner“ begrüßte, musste sie ihn noch korrigieren. Wenn Eva Sperner (64) demnächst nach 33 Jahren und elf Monaten als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Halle in den Ruhestand wechselt, hat es sich auch in einstigen Amtsstuben längst „ausgefräuleint“. „Wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, lassen sich neutrale Begriffe finden“, hofft sie, dass sich auch in der Sprache eine Form der Geschlechtergerechtigkeit durchsetzt.

Klaudia Genuit-Thiessen

Eva Sperner hat sich in mehr als 33 Jahren auf vielen Gebieten engagiert. In diesem Frühjahr verabschiedet sich Halles erste Gleichstellungsbeauftragte aus dem Rathaus. Ihre Stelle ist bereits ausgeschrieben. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Die Arbeit weist den Weg

Von Berufs wegen ist die Gütersloherin damit Pionierin. 1986 hat die Stadtverwaltung ihre Stelle im Haller Rathaus ausgeschrieben. Direkt dem Stadtdirektor unterstellt, aber fürs erste gegenüber dem alten Amtshaus an der Graebestraße in gemieteten Räumen untergebracht. „Ich hatte einen Schreibtisch und ein Telefon. Und alle Naselang standen Frauen im Büro, die dort noch Tischwäsche oder so etwas kaufen wollten“, erinnert sich Eva Sperner. „Wir wissen auch nicht, was Sie tun sollen. Die Arbeit weist den Weg“, hat Dr. Elmar Hälbig die junge Frau damals freundlich auf der neuen Stabsstelle begrüßt.

Sie hatte schon Erfahrungen in der Frauenarbeit gesammelt. Und war womöglich durch das Abitur auf dem Städtischen Gymnasium, einer reinen Mädchenschule, auf die richtige Spur für ihr Leben gesetzt worden. Nach dem Pädagogik-Studium hatte sie an der Uni Bielefeld zum Frauenbild in der Werbung mitgeforscht. „Damals hat sich wohl mein Blick geschärft für Gemüse-Werbung, die nackte Tatsachen verspricht. Das ist sexistisch“, sagt Eva Sperner. Der berufliche Weg verschlug sie für fünf Jahre in die gewerkschaftliche Familienbildung. Gewerkschaftsfrauen, Kirchenfrauen, autonome Frauen – sie knüpfte Kontakte, organisierte interkulturelle Angebote und Seminare.

Beteiligt bei der Personalauswahl

Und startete in Halle einen Vorstellungs-Marathon innerhalb der Verwaltung, aber auch außerhalb. Ob Lila Liga oder CDU-Frauenunion – man lud die neue Gleichstellungsbeauftragte, die erst einmal eine Bestandaufnahme der Infrastruktur machte, gern ein. Ihre Ziele: Vertrauen aufbauen und ein Netzwerk.

Als Teil des Verwaltungsvorstandes sitzt Eva Sperner seitdem bei Personalauswahlverfahren mit Fachbereichsleitern und Bürgermeister(in) mit am Tisch. Von einigen „skeptisch beäugt“. In der Stadtkasse hängte man damals noch nur widerstrebend einen Fotokalender mit leicht bekleideten Frauen ab. Heute wäre das undenkbar. Seit einigen Jahren organisiert sie gemeinsam mit dem Sozialen Büro „Lunchpakete“ für ihre Kollegen, kurze Infoveranstaltungen für die Mittagszeit. Vorträge, zum Beispiel zu Pflege und Beruf gibt es zusammen mit einem belegten Brötchen.

Probleme im neuen Gewand

Bei der Arbeit nach außen spricht sie vieles mit dem Arbeitskreis für Frauenfragen ab, den sie ganz breit gefächert für Halle gründete. „Die Frauen vor Ort wissen am besten, wo es kneift“, weiß die Gleichstellungsfrau, die ihre Aufgabe in Information und Prävention sieht.

Wo ist in Halle Handlungsbedarf? Natürlich waren Trennung, Scheidung, Unterhalt und Kinderbetreuung schon damals riesige Problemfelder. Wie lassen sich Familie und Beruf überhaupt vereinbaren, damals und heute? „Keines der Probleme ist komplett verschwunden. Vieles kommt heute nur in neuem Gewand daher“, hat die Einzelkämpferin beobachtet, die sich für ihre Arbeit mit anderen zusammentut. Sie hat Fragebogenaktionen in Kindergärten gestartet, Orientierungskurse für Berufsrückkehrerinnen, gemeinsame Aktionswochen und sie hat versucht, die Stadt familienfreundlicher zu gestalten, beispielsweise bei der früher „mega-grottigen“ Bahnunterführung am Hartmanns Kamp oder an Bushaltestellen.

Überzeugungsarbeit leisten

Der Arbeitskreis Rückenwind gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen hat schon vor vielen Jahren ein Tabuthema angefasst. Auch der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt im Kreis konnte einiges bewegen. „Unser Job ist vor allem Überzeugungsarbeit“, spricht Eva Sperner auch für ihre Kolleginnen in anderen Städten. Sie hat einige Steine ins Rollen gebracht. Und freut sich heute, wenn auch Männer ihren Rat in Anspruch nehmen, um zum Beispiel in Elternzeit zu gehen. Eva Sperner: „So etwas ist heute sogar auf dem Bauhof möglich.“

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