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Im Storck-Treffpunkt feiern 450 Zuhörer die Haller Bach-Tage

Furiose Funken vom Balkan

Halle (WB). Eine zarte Note Donau-Süße gepaart mit melancholischem Moll aus dem Osten Europas und ungezähmten Tanz-Tempo – die Soirée »Balkanisch« hat am Eröffnungswochenende der 56. Haller Bach-Tage einen hinreißenden Abend geboten. Ein Klassikkonzert, an dem die Musik viel zu schnell verklungen ist.

Klaudia Genuit-Thiessen

Mal elegisch, mal elektrisierend: Der Geiger Nemanja Radulović ist ein Stern am Klassikhimmel. Aber »die serbische Antwort auf David Garrett«, wie er schon genannt wurde, bietet mehr als Balkanfolklore im flotten Crossover-Programm.         Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

»In Gottes Namen«: Der serbische Ausnahme-Geiger Nemanja Radulović, der die Haller 2018 bereits mit den »Trilles du Diable« begeistert hat, hat bei Storck für ein ausverkauftes Haus gesorgt. 450 Zuhörer begrüßt Storck-Direktor Achim Westerhoff, bevor der Österreicher Andreas Ottensamer – Soloklarinettist bei den Berliner Philharmonikern – seine Kollegen vorstellt. Musiker, die seit Jahren in verschiedenen Formationen miteinander spielen. Und die sich jetzt mit ein paar Originalwerken, Arrangements und Improvisationen in der »Schokoladenfabrik battlen«, wie Ottensamer augenzwinkernd sagt. Ksenija Sidorova ist dabei, eine zierliche Lettin, die womöglich erst das Akkordeon in der Klassik salonfähig gemacht hat. Und die blonde Pianistin Laure Favre-Kahn, die fast alle Kammermusikkonzerte von Nemanja Radulović begleitet.

Stylisher Auftritt

Ein Ohrenschmaus und eine Augenweide – so empfinden viele Zuhörer das bestens aufeinander eingespielte Quartett. Der coole Klarinettist in Turnschuhen, der Violinist mit zwar gebändigter Mähne, aber immer noch in Doc-Martens-Stiefeln: stylish. Und die jungen Musiker lassen es an Perfektion nicht mangeln.

Sie eröffnen – und beschließen – den Abend mit Béla Bartóks »Romanian Folk Dances«. Eigentlich sind es sechs kurze Klavierstücke, in denen Bartók Volksmelodien aus Transsylvanien aufgegriffen hat. Radulović spielt sie wieder auf der Violine. Und wie! Eine wilde, tänzerische Attacke mit halsbrecherischen Tempi und bittersüßen Nuancen. Die geben auch in der Ballade des argentinischen Bandoneon- und Tango-Nuevo-Begründers Astor Piazolla den Ton an. Sein »Café 1960«, ausschließlich gespielt von Akkordeon und Klarinette, schlägt einen Bogen zwischen der Melancholie Südamerikas und der des Donauraumes.

Dem Duett folgt ein brillantes Piano-Solo: Laure Favre-Kahn tanzt durch Manuel de Fallas »Dance Rituelle du Feu«. Gerade vier Minuten dauert die rasante, äußerst populäre Ballettnummer, bevor Radulović und Sidorova die einschmeichelnden Tonfolgen Debussys kaum weniger bekannter Rhapsody Nr. 1 spielen.

Spritzige Kombination

Nicht ganz so schnell erschließt sich der poetisch-elegische »Valse« von Schostakovich. Tanzbare Dreiviertelklänge blitzen auf, lautmalerisch träumen Klarinette und Klavier. Dann nimmt der Abend mit dem berühmten Säbeltanz, dem »Sabre Dance« von Aram Chatschaturjan, noch einmal richtig Fahrt auf.

Kein Wunder, dass das Publikum in der Pause hingerissen ist. »Ich mag das sehr. Hier spielen tolle Musiker ein hochkarätiges Programm, das nicht akademisch vorgetragen wird«, sagt die Sopranistin Cornelie Isenbürger, die in Halle oft selbst auf der Bühne steht. Während sich »Opus-Arte«-Chef Reiner Beinghaus über die »spritzige Kombination« der Instrumente freut, sind sich Grünen-Politikerin Helga Lange und Kosmetikerin Annette Drein einig, dass das Programm großen Spaß macht.

Da stimmen auch die Storck-Direktoren zu, die sich im Treffpunkt wiedersehen. »Man sieht, dass die Musiker selbst Freude haben«, meinen der Ex-Personalchef Gerhard Keller, der nach 36 Jahren im Haus Storck seit sechs Jahre im Ruhestand ist, sowie der langjährige frühere Technische Direktor Lutz Diedrich.

Für klassisches Akkordeon geschrieben ist Voitenkos »Revelation«. Ksenija Sidorova gibt ihm einen französischen Zungenschlag. Die Ouvertüre zum Höhepunkt des Abends, der simpel als »Trio« deklariert ist. Klarinette, Violine, Klavier – die drei Sätze des Kammermusikwerkes des armenisch-georgischen Komponisten Chatschaturjan reihen folkoristische Themen variationsreich aneinander: Klagende Akkorde, Arabesken, Geigentremoli und Klarinettenmelodien mit orientalischem Kolorit tauchen auf. Das Finale scheint gleich in Ravels »Tzigane« zu münden, eine effektvolle Zigeuner-Fantasie. Aber Radulović ist mehr als nur ein feuriger Gipsy-Virtuose. An sein Bravourstück schließt sich Montis »Czardas« an. Und nur eine Zugabe folgt, bevor sich schon Steffie Ford und Nadine Skarupke für Storck mit »Merci« bedanken.

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