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Heimische Landwirte protestieren gegen Agrarpakt und »Bauern-Bashing«

Grüne Kreuze fordern mehr Respekt

Halle (WB). Anderswo demonstrieren die Landwirte gegen zu harte Düngeregeln und das Agrarpaket der Bundesregierung. Der Protest gegen das »Bauern-Bashing« im Altkreis Halle ist eher still: Grüne Holzkreuze am Rand einiger Felder fordern mehr Respekt für die Arbeit der Landwirte.

Klaudia Genuit-Thiessen

An der Hesselner Straße hat Marco Nollmann (links), Betriebsleiter auf dem Hof von Landwirt Jürgen von Morsey-Picard, gleich zwei grüne Holzkreuze aufgestellt – ein Zeichen des stillen Protests der Bauern. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Allein schon der Hof Morsey-Picard in Hesseln hat drei Kreuze aufgestellt, eine Initiative von Betriebsleiter Marco Nollmann. »Im Osnabrücker Raum und im nördlichen Niedersachsen sieht man noch viel mehr grüne Kreuze«, sagt der 29-jährige Schwiegersohn von Jürgen von Morsey-Picard. An der Margarete-Windthorst-Straße, aber auch an der Hesselner Straße will »Ihr Bauer aus der Nachbarschaft« daran erinnern, welchen Wert die heimische Landwirtschaft überhaupt hat. Denn die Gesellschaft erwarte zwar von den Bauern Lösungen für den Schutz von Gewässern, Arten und Tieren, sei aber nicht bereit, heimische Produkte zu kaufen. Marco Nollmann: »Jeder spricht von Turbokühen. Die Milchwirtschaft ist viel in der Kritik. Aber keiner redet darüber, warum der Landwirt das macht und dass es auch sinnvoll und notwendig ist, wenn die Kühe mal mit Medikamenten behandelt werden müssen.«

»Für 30 Cent kann keiner liefern«

Für einen Liter Milch erhält der Landwirt derzeit gerade noch 30 Cent, mindestens sechs Cent unter dem Erzeugerpreis, rechnet Jürgen von Morsey vor und erinnert daran, dass der Berufsstand darum schon vor 30 Jahren auf die Barrikaden gegangen ist. Die Milchseen und Butterberge von damals seien längst Geschichte. Doch gerade jetzt könne man von einer echten Milchkrise sprechen. »Für 30 Cent kann keiner mehr liefern. Und der Milchpreis wird wohl noch gedrückt werden«, sagt der 64-Jährige, dessen Vater Dietrich 1952 auf dem Hof Windthorst mit einer Kuh und einem Schwein angefangen hat. Zu besten Zeiten hat man dort 320 Milchkühe und 330 Rinder gehalten.

Auf dem Hof Morsey sieht man sich jetzt gezwungen, womöglich die Notbremse zu ziehen. Denn die Molkerei hat vor einigen Tagen eine Kündigung der bisherigen Liefer- und Qualitätsvereinbarung geschickt. Morsey hat seit Jahren Milch für den Babykost-Hersteller Hipp geliefert. Doch künftig gelten andere Standards für Rohmilch zur Herstellung von Babynahrungsprodukten aus genfreier Fütterung, teilt das Deutsche Milchkontor in Bremen mit. »Unser ganzer Betrieb ist genfrei. Aber die können vielleicht kein Milchfett mehr verarbeiten. Oder man will die Preise drücken«, knurrt der Bauer, der annimmt, dass noch mehr Kollegen die gleiche Kündigung bekommen haben.

Umstieg auf Rinderaufzucht angedacht

Auch angesichts des Fachkräftemangels und der Lohnsituation denkt man auf dem Hof in Hesseln inzwischen darüber nach, die Milchviehhaltung komplett aufzugeben und auf reine Rinderzucht umzusteigen. Für den Betrieb, der neben den Milchkühen eigentlich nur auf Biogas und Ackerbau setzt, wäre das ein Wendepunkt. »Als Landwirt rechnet man in Generationen – man baut einen neuen Stall nicht für sich selbst«, sagt Marco Nollmann, der seit zwei Jahren auf dem Hof Morsey in einem fünfköpfigen Team arbeitet. Ihm ist es wichtig, mit den grünen Kreuzen klar zu machen, dass es in der Landwirtschaft zwar sicher auch schwarze Schafe gebe, dass aber nicht jeder Bauer »versucht, die Bevölkerung auszurotten«. Marco Nollmann: »Wenn eine Feldspritze über den Acker fährt, wird vielleicht nur Flüssigdünger oder in geringer Konzentration auch Pflanzenschutz gespritzt. Aber wir halten uns an die Auflagen«.

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