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Nach 18 Jahren als Bürgermeisterin nimmt Anne Rodenbrock-Wesselmann Abschied

Haller Herz immer wieder verschenkt

Halle (WB). „Düt verrückte Luid“ heißt es in der Familie, als sie mit 42 in die Politik geht. Eine typische Quotenfrau der SPD. Eine vom Land mit drei Kindern und ehrenwerten Zielen. Die aus der Elternarbeit kommt und nicht ahnt, dass sie mal jemand für eine „Autobahn-Bürgermeisterin“ halten könnte. Dass sie mal mit dem Blödel-Barden Otto ein Tennis-Rackett schwingen, und mit Handball-Bundestrainer Heiner Brand – Sie erinnern sich: der Mann mit dem Walrossbart – bei der WM im Haller Stadion zittern würde. Eine, die als Chefin im Rathaus vielleicht „Halles beste Zeit erwischt hat“. Und die sich jetzt voller Dankbarkeit verabschiedet.

Klaudia Genuit-Thiessen

Das „Herz für Halle“ aus den Händen von Metallgestalter Christoph Kasper steht als Skulptur am Rathaus I. Anne Rodenbrock-Wesselmann hat kleine Herzen immer wieder als Dankeschön aus Halle verschenkt.                                         Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Anne-Elisabeth Rodenbrock-Wesselmann ist 68. Nach 18 Jahren hat sie ihr Büro jetzt ausgeräumt. Thomas Tappe sitzt demnächst an dem Schreibtisch vor dem Blumenbild von Sigmund Strecker. Der Christdemokrat kann den dicken A33-Ordner vielleicht noch gebrauchen. „So etwas kann man doch nicht wegwerfen“, sagt sie und legt das Zeitdokument wieder zurück auf den Schreibtisch. Den hat sie mal übernommen von ihrem Vize im Rathaus. Damals, als die finanzschwache Stadt so schlimm sparen musste, dass die im Amt noch unerfahrene Bürgermeisterin mit Wilhelm Reich rote Listen angelegt hat. Kein Geld für Ausstellungen, Lindenbad, Unterstützung für Vereine: „Es fing ziemlich anstrengend an“, erinnert sich Anne Rodenbrock-Wesselmann an die erste Zeit im Amt.

„Angefixt„ von der Politik

Und guckt dann doch noch einmal weiter zurück in die Vergangenheit: Ostern 1994 verschaffen die Sozialdemokraten der Eggebergerin, die Geld fürs Kinderhaus an der Grundschule Gartnisch fordert, einen sicheren Listenplatz. Im Sozial- und im Schulausschuss ist die angehende Diplom-Pädagogin, die neben der Arbeit daheim und auf einer halben Stelle beim CJD in Versmold an der Uni studiert, gut aufgehoben. Dort unternimmt sie die ersten Ausflüge in das Geschehen vor Ort. Wird politischer und kritischer.

Sie stammt aus einem sehr konservativen Elternhaus. Doch ihr Vater ist ein sehr toleranter Mensch. „Weißt du eigentlich, Anne, vor welchen Karren du dich da spannen lässt?“ erkundigt er sich. Nur einmal stellt er diese Frage. „Dann hat er mich unterstützt.“

In Halle geht es wirtschaftlich bergauf. Die Sozialdemokratin findet immer mehr Freude daran, Hintergründe kennen zu lernen, politische Entwicklungen zu beobachten. Sicher auch daran, Einfluss zu nehmen. „Ich war angefixt“, sagt sie heute auch mit Blick auf die Arbeit im Kreis-, später im Landesvorstand der SPD.

Zwei Lager im Stadtverband

1999 wird Jürgen Wolff noch einmal auf den Chefsessel im Rathaus gewählt. Für drei Jahre. Dann muss er mit 68 abtreten. Die halbe Partei steht 2002 hinter Anne Rodenbrock-Wesselmann. Drängt sie, ihren Hut in den Ring zu werfen. „Meine Leute“, sagt sie heute. Wohl wissend, dass es damals im Ortsverband zwei Lager gab...

Sie traut sich. In der Familie herrscht schon eine gewisse Skepsis, als sie zu neuen Ufern aufbricht. Aber ihr Mann Gerhard „ist ein selbstständiger und interessierter Mensch“. Die Familie kommt klar, als sie sich mit einem „kleinen, feinen Team“ in den Wahlkampf stürzt. Und dabei möglichst authentisch bleiben will. Die CDU schickt den verwaltungserfahrenen Jürgen Keil ins Rennen. „Wählen Sie mich, dann bekommen Sie uns beide“, sagt sie mal zu einem unentschlossenen Wähler. Den „ominösen Wahlabend“ am 9. Juni 2002 vergisst sie nie. Wie die Ratssitzung danach. Den Schlüssel für die nächsten sieben Jahre im Rathaus übergibt ihr Jürgen Wolff um Mitternacht bei Hollmann. „Wir haben gebechert und gefeiert und kurz danach wurde der Saal abgerissen“.

Dem „fairen, loyalen Wahlkampf“ mit Jürgen Keil folgt eine „unfassbar gute Zusammenarbeit“. 2009 wird Anne Rodenbrock-Wesselmann wiedergewählt. 2014 wird die SPD stärkste Fraktion im Stadtrat, und es gibt nicht mal einen Mitbewerber.

500 Zuhörer mit geballter Faust

Da hat die Bürgermeisterin ihre größte politische Herausforderung längst hinter sich: die erste Ratssitzung, in der die Konsenstrasse für die A33 auf dem Tisch liegt. Das ist übrigens ein Vorschlag von Wolfhart Kantsteiner, erinnert sie sich. Der Sprecher der Umweltverbände sagt unerwartet, wenn es eine Grünbrücke für den Postweg und andere Straßen gebe, könnten die Verbände mitgehen. „Das war eine totale Überraschung für uns. NRW-Verkehrsminister Axel Horstmann hatte uns schon klar gemacht, dass ein Lückenschluss, wie wir ihn wollten, nach EU-Recht nicht möglich wäre und den Plan auf den Tisch gelegt. Und dann diese Ratssitzung. 500 Menschen, und ich wusste, dass alle die geballte Faust in der Tasche haben. Dass die Autobahn ein herber Eingriff in unsere Stadt ist – trotz des A33-Bündnisses und Unterstützung von Menschen wie Gerhard Weber und Udo Hardieck, denen die Stadt viel zu verdanken hat. Wir haben alles durchlebt und durchlitten. Das war nicht nur Hurra! Aber man muss sich der Realität stellen und wissen, wie die Alternativen aussehen.“ Auf diese Ratssitzung bereitet sie sich damals so gründlich vor wie auf keine andere.

Auf andere emotionale Ereignisse, bei denen sie als Bürgermeisterin für die Stadt sprechen muss, obwohl sie selbst „unfassbar berührt“ ist, kann sie sich aber kaum einstellen. Bei der Trauerfeier für die ermordete Hallerin Nelli Graf versagt ihr beinahe die Stimme. „Als ich ganz aus der Nähe in die Gesichter der Familie geblickt habe, ist mir das so was von nahe gegangen.“

Mittwoch letzte Ratssitzung

Als Repräsentantin der Stadt ist Anne Rodenbrock-Wesselmann nur noch bis Mittwoch im Dienst, bis zu ihrer letzten Ratssitzung. Als Chefin der Stadtverwaltung verabschiedet sie sich von mehr als 200 Mitarbeitern. Als Gremienvertreterin – beispielsweise im Aufsichtsrat des Klinikums – begleitet sie einige Entwicklungen noch eine Weile. Ihr Fazit nach 18 Jahren: „Ich habe eine wunderbare, spannende Zeit erlebt, für die ich dankbar bin. Wen ich alles kennenlernen durfte...“

Erfüllte Tage sind ihr wichtig, gestern ebenso wie morgen. Als Oma von Jonathan, der bald in die Schule kommt, freut sie sich auf das Familienleben. „Ich koche für alle“, sagt die Eggebergerin entschlossen. Denn Reisen habe sie mit Blick auf Corona vorerst zurückgestellt. Sie will ihre Netzwerke pflegen. Und als Freundin der Rockmusik hofft sie, dass sie bald wieder Konzerte besuchen kann. Cold Play, BAP, Pink-Floyd-Cover-Band – diese Musik hört sie auch beim Aufräumen im Büro.

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