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Annemarie Stoltenberg präsentiert in Halle tierisch gute Neuerscheinungen

Malende Affen und singende Flusskrebse

Halle (WB). Der Stapel mit Büchern liegt aufgetürmt neben Annemarie Stoltenberg, doch die muss erst einmal ihrem Ärger über die Deutsche Bahn Luft machen. Nach einem kurzen Exkurs über das Stehen gelassen werden am Bahnhof bei ihrer Anreise kehrt die Literaturexpertin aber schnell wieder zurück zu ihrer Kernkompetenz.

Kerstin Panhorst

Annemarie Stoltenberg stellt am Vorabend der Frankfurter Buchmesse Neuerscheinungen im Haller Bürgerzentrum Remise vor. Foto: Kerstin Panhorst

Die 62-Jährige ist nach Halle gekommen um in der Reihe »LiteraTour Herbst« der Stadtbücherei, der Gleichstellungsstelle und des Kulturbüros der Stadt Neuerscheinungen vorzustellen. Aus aktuellem Anlass, nämlich dem Literaturnobelpreis für Peter Handke und der von Buchpreis-Gewinner Saša Stanišić am Autor geübten Kritik, bricht Annemarie Stoltenberg außer der Reihe aber erst noch eine Lanze für den österreichischen Literaten: »Ich habe Handke mehrfach getroffen, er ist einer der sanftesten und weltfremdesten Dichter und wird deshalb oft missverstanden, aber er ist ein großer Schriftsteller«.

Annemarie Stoltenberg über den frisch gekürten Träger des Deutschen Buchpreises, Sasa Stanišic

Von Stanišic, lässt die studierte Literatur- und Sprachwissenschaftlerin durchblicken, hält sie hingegen nicht so viel. »›Herkunft‹ wäre nicht gerade eines meiner Lieblingsbücher gewesen, ich fand diese ganze Liste für den Buchpreis seltsam«, verrät die NDR-Kultur-Redakteurin den mehr als 60 Besuchern in der Remise.

Ihre eigene Liste mit den Neuerscheinungen hingegen ist keinesfalls seltsam, sondern voll mit wunderbaren Tipps für Lektüre jeglicher Art. Mit viel Liebe für Details und persönlichen Anekdoten über ihren Mode-Fauxpas bei Hamburger High-Society-Hockeyturnieren und das eigene Wutpotenzial angereichert, macht sie Lust auf den Leseherbst.

Krimi über ein Mädchen aus den Sümpfen North Carolinas

Mit nach Halle gebracht hat sie erstaunlich viele Titel mit tierischen Namen und Sujets. Angefangen vom neuen Martin Suter und dem Verschwinden eines unbezahlbaren japanischen Karpfens (»Allmen und der Koi«) über ein künstlerisch begabtes Kapuzineräffchen (David Zaoui »Schmidt malt«) bis zu Delia Owens »Der Gesang der Flusskrebse«, einem Krimi über ein alleine in den Sümpfen North Carolinas aufwachsendes Mädchen, reicht die Bandbreite.

Leichte Kost und Tiefgründiges empfiehlt sie gleichermaßen

Und auch das diesjährige Gastgeberland der Buchmesse, Norwegen, ist vertreten. Der neu übersetzte Klassiker »Jakob« des Starautors Alexander Kielland trifft dabei auf Erik Fosnes Hansens »Ein Hummerleben«, in dem ein altes Grand Hotel mit dem Ausrichten eines Silvesterdinners für Bestatter ums Überleben kämpft. Leichte und unterhaltsame Kost hat Annemarie Stoltenberg ebenso auf ihrer Liste wie psychologisch tiefgründige Dramen und spannende Krimis. Und dank ihrer charmanten Art und ihrer Begeisterung für die einzelnen Werke dürfte es so manchem Besucher schwer fallen, unter ihnen seine nächste Lektüre zu finden – denn eigentlich müsste man alle lesen.

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