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Mit welchen besonderen Bedingungen das Court-Hotel am Stadion zu kämpfen hat

Millionen-Verluste nicht aufzuholen

Halle (WB). In dieser Woche hat Landrat Sven-Georg Adenauer namens aller Kommunen im Kreis Gütersloh einen „Brandbrief“ an die Wirtschaftsminister in Bund und Land geschrieben, um Hilfen wegen der äußerst schwierigen Lage von Gastronomie und Hotellerie anzumahnen. Adenauer hätte beispielhaft auch die Geschichte des Court-Hotels am Haller Stadion erzählen können, das nach neun Wochen Komplett-Schließung am Dienstag nach Pfingsten wieder Gäste empfangen wird.

Stefan Küppers

Hoteldirektor Torsten Carll bereitet nach neun Wochen Schließung die Wiedereröffnung des Court-Hotels vor. Die durch die Corona bedingten Einschränkungen für Veranstaltungen machen für das Hotel am Stadion die Bedingungen jedoch weiter schwierig. Foto: Küppers

Voraussichtlicher Verlust in 2020 bei drei Millionen Euro

Dies plant das Court-Hotel nach der Wiedereröffnung

Nach Pfingsten soll der Betrieb im Court-Hotel erst langsam hochfahren, viele Mitarbeiter werden Carll zufolge in Kurzarbeit zunächst verbleiben. Um das Geschäft anzukurbeln, wird auf verschiedene Felder gesetzt. Neben Gegnern von Arminia Bielefeld wie Nürnberg und Dresden, die in Halle absteigen werden, setzt das Haus vor allem auf touristische Zielgruppen für Kurzurlaube mit Wandern und Golfen. Das Court-Hotel tritt dabei gegen beliebte Urlaubsregionen in Deutschland. Aber vielleicht ist das auch eine Chance.

Familien aus Halle, die Besuch bekommen, können ihre Gäste zu einem Drittel des normalen Preises im Court-Hotel unterbringen. “Auch mit speziellen Angeboten für lokale Businesspartner hoffen wir Bewegung erzeugen zu können“, sagt Carll.

Hoteldirektor Torsten Carll, der erst im Dezember 2019 seinen Dienst in Halle angetreten hat, hat Ideen und Pläne, wie das Hotel mit 106 Betten und Restauration in den nächsten Wochen und Monaten nach dem Shutdown wieder mit Leben gefüllt werden kann (siehe Kasten). Doch über den bereits eingetretenen Schaden und die fürs restliche Jahr 2020 schwierig bleibenden Aussichten kann alle Aktivität nicht hinweg täuschen. „Das verloren gegangene Geschäft werden wir uns nicht einfach wieder holen“, sagt Carll. Den voraussichtlichen Verlust in 2020 allein für das Vier-Sterne-Haus beziffert der Direktor mit mindestens drei Millionen Euro.

Dabei hatte Torsten Carll zufolge das Jahr 2020 in den ersten zweieinhalb Monaten gut begonnen. Mitte März kam dann die Anweisung, dass Hotels nur noch für Geschäftsreisende geöffnet werden durften. Doch weil auch viele Firmen ihre Mitarbeiter und Außendienstler nicht mehr auf Reisen schickten, entschied sich das Court-Hotel am 27. März für die Komplett-Schließung. Nahezu alle der 64 festangestellten Mitarbeiter sowie viele weitere geringfügig Beschäftigte wurden in Kurzarbeit null geschickt, für viele Mini-Jobber war das Carll zufolge nicht möglich. Auch weitere Investitionen über etwa 1,5 Millionen Euro in das Hotel wurden zunächst gestoppt.

Stadionbesucher fehlen über Monate als Hotelgäste

Auf Nachfrage verdeutlicht der Hoteldirektor die Dimensionen des Problems. Bereits der März schlug mit einem Umsatzminus von 80 Prozent zum Vorjahresmonat zu Buche. Im April und Mai waren es dann 100 Prozent. Das Court-Hotel lebt Carll zufolge zu etwa 65 Prozent von Geschäftsreisenden und zu 35 Prozent von touristischen Gästen, die Wellness -Angebote im Hause, den Golfplatz oder auch kulturelle Veranstaltungen nutzen. Wenn viele Veranstaltungen im Stadion oder im Eventcenter anstehen, steigt dieser Gästeanteil laut Carll schon mal auf 45 Prozent. Das Verbot von Großveranstaltungen (über 100 Personen) bis mindestens Ende August wirkt demzufolge in besonderer Weise auf das Geschäftsmodell des Court-Hotels.

Ausfall des Tennisturniers 2020 trifft das Court-Hotel hart

Mitte Juni hätte unter normalen Umständen das ATP-Tennisturnier mehr als 100.000 Besucher angezogen, dabei auch Vollauslastung und Vollbeschäftigung in Hotel und Restauration ausgelöst. In einem Juni werden Carll zufolge 15 bis 20 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet. Doch ohne Tennis und ohne Konzerte oder andere Veranstaltungen in weiten Teilen des Jahres wird der Verlust nicht aufzuholen sein. Weshalb der Fokus vor allem auch auf die ins nächste Jahr verschobenen Stadion- und Eventcenter-Veranstaltungen liegt. Die dann aber tunlichst wieder unter „normalen“ Bedingungen stattfinden sollten, auch wenn Obacht bis zur Entwicklung eines Impfstoffes oberstes Gebot bleibe, wie Carll sagt.

Derzeit lebe das Unternehmen von der Substanz, verdeutlicht er. Die Aufnahme von staatlichen KfW-Krediten sei für das Hotel, das vor der Corona-Krise unter anderem ins Restaurant und die Bar investiert hatte, jedenfalls keine Alternative gewesen. Staatliche Hilfen für Gastronomie und Hotellerie wie die Senkung von Mehrwertsteuern hält auch Torsten Carll für geboten. „Doch warum soll es die Senkung nur auf Speisen und nicht Getränke geben?“, fragt er. Andererseits weiß er die Pandamie-Maßnahmen des Staates auch zu würdigen. „In dieser Krise möchte ich eigentlich in keinem anderen Land leben als in Deutschland“, sagt er mit Blick auf Verhältnisse in anderen Ländern.

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