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Beim 5. Gründerforum der pro Wirtschaft GT stellen junge Unternehmer ihren Weg vor.

Mit Mut in die Hände gespuckt

Halle (WB). Wer das sicher hart erarbeitete, aber beneidenswerte Selbstbewusstsein des Kabarettisten, Theologen und Ex-Paralympics-Siegers Rainer Schmidt mitbringt, der ist bestimmt auch erfolgreich als Existenzgründer. Der Mann mit dem schwarzen Humor macht Mut zur Selbstständigkeit. Denn der fehlt vielen: In Sachen Gründungen liegt der wirtschaftsstarke Kreis Gütersloh nur im (unteren) Mittelfeld der Landkreise in Deutschland.

Klaudia Genuit-Thiessen

»Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt« heißt das schwarzhumorige Thema des Kabarettisten und Ex-Paralympic-Sieger Rainer Schmidt (links) . Im Haus der Volksbank begrüßte Harald Herkströter (weiter von links) auch Sammy Addad, Anna Niehaus (pro Wirtschaft GT), René Zessin, Kathrin Horstkötter, Sebastian Dahlkötter und Moderator Stefan Mrozek. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Nur Platz 261 von 402 Landkreisen und kreisfreien Städten – die pro Wirtschaft GT gibt deshalb in der »Netzwerkregion Ostwestfalen-Lippe« Hilfestellungen, beispielsweise mit einem Mentorenservice. Anna Niehaus stellte vier »Prachtexemplare« von jungen Firmen aus dem Kreis vor, die ihre ersten Schritte auf dem Weg in die Selbstständigkeit schon hinter sich haben. Beim 5. Gründerforum war die Volksbank Halle Gastgeber der Veranstaltung. »Bei uns gibt es jährlich ca. 20 Anfragen. Wir begleiten dann etwa zehn bis 15 Existenzgründungen im Jahr«, berichtete Vorstandsmitglied Harald Herkströter, dass das Geldinstitut sich als »Beziehungsmanager« verstehe.

»Boden-Truppe« aus Halle

Die »Boden-Truppe« des Haller Parkett-Spezialisten René Zessin, die von dem Borgholzhausener Unternehmer Sammy Addad geführte Lindahl-Personal GmbH in Gütersloh, ein Zeitarbeitsunternehmen, der Garten- und Landschaftsbauer Sebastian Dahlkötter aus Verl und die Profi-Sängerin Kathrin Horstkötter, ebenfalls aus Verl, berichteten vor gut 70 Zuhörern über ihre Erfahrungen. Auf die Fragen von Moderator Stefan Mrozek schilderten sie offen und ehrlich ihren Weg. Und die Steine, die darauf lagen oder immer noch liegen. Klar wurde eines: Kontakte helfen beim Start in die Selbstständigkeit enorm. »Vitamin B« wie Beziehungen nannte man es früher. Heute spricht man von Netzwerken.

Zudem braucht es Menschen mit Herz, auf die man sich verlassen kann. Rainer Schmidt kann davon ein Lied singen. Der ohne Unterarme und mit einem verkürzten rechten Oberschenkel geborene Rheinländer traf mit zwölf Jahren auf einen Mann, der ihm im Feriendorf mit einem Selbstbau half, einen Tischtennisschläger zu halten – der Start zu einer überaus erfolgreichen Sportkarriere, die erst 2008 bei den Paralympics in Peking zu Ende ging. »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt« hat der 52-Jährige seinen Vortrag überschrieben, den er auf (potentielle) Gründer zugeschnitten hat.

»Handwerker wird der nicht«

Ein Stück Lebenshilfe bot die Schilderung von Rainer Schmidt. Schließlich war seiner Familie schon früh klar: »Handwerker wird der nicht«. Erfolgserlebnisse, Mut, ein starker Partner an der Seite und damit ein möglichst kleines Risiko zu scheitern gehören unbedingt dazu. Ferner ist ein guter Trainer Gold wert und volle Konzentration auf die Aufgabe, die eigenen Stärken, kurz: das Kerngeschäft. Und wenn die Betriebsgründung dennoch schief geht? Weil das Glück gerade anderswo ist. »Du bist mehr wert als die Summe deiner Medaillen«, haben Freunde Rainer Schmidt mit auf den Weg gegeben.

Auf drei Säulen hat die gelernte Krankenschwester und Profi-Musikerin Kathrin Horstkötter ihren Sprung in die Freiberuflichkeit gebaut: einen 400-Euro-Job, die ersten Auftritte bei Hochzeitsfeiern und Veranstaltungen und ein kleines Engagement am Landestheater Detmold. Anfangs hat ihre Familie »milde gelächelt und schwer geschluckt«, berichtete sie und machte keinen Hehl daraus, dass sie vor allem lernen musste, ihre Arbeit zu verkaufen.

Netzwerke sind enorm wichtig

Kunden-Akquise ist auch für den Alleinunternehmer René Zessin (39) enorm wichtig. Der gelernte Kaufmann und Parkett-Fachmann hat sich getreu der Devise »Vom Baum zum Raum« auf besonders anspruchsvolle Projekte spezialisiert und damit eine Spitzennische gefunden. Auch in der alten Kisker-Villa hat er – natürlich mit Partnern – den Boden gemacht. René Zessin: »Für mich sind Netzwerke das A und O. Ich habe schon im Vorfeld Termine mit möglichen Partnern abgesprochen«. Sein Rat an Neugründer: beispielsweise mit einem Existenzgründerdarlehen den Rücken frei halten. Auch Sebastian Dahlkötter, der schon seine zweite Firma aufgemacht hat, setzt auf »Connections«, in seinem Fall durch Ehrenämter. »Und statt schon nach der Ausbildung schon bei Claas shoppen zu gehen, hätte ich besser früher das Angebot der pro Wirtschaft annehmen sollen«, bekannte er sich freimütig zu einem holprigen Start.

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