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Eindrücke aus dem seit Sonntag besetzten Storck-Wald in Halle

Noch ist die Atmosphäre entspannt

Halle (WB)

Es ist Tag zwei der Besetzung im Storck-Wald, den Witzbolde schon als „Haller Hambi“ getauft haben, in Anlehnung an die monatelange Besetzung im Tagebau-Bezirk Hambacher Forst.

Stefan Küppers

Ein Baumbesetzer im Storck-Wald döst in einer Hängematte. Über ihm in 20 Meter Höhe ist eine Plattform gebaut, auf die er sich schnell hochziehen kann. Foto: Küppers

Am Montagmorgen gibt die radikale Gruppe „Ende Gelände“ aus Bielefeld eine Twitter-Nachricht heraus: „Das Ergebnis der ersten 24h: Strukturen in 7 Bäumen. Die Stadt hat jetzt eine Flitzpiepe an der MaWa (Mahnwache) abgestellt, ansonsten haben die Cops bisher wenig Ideen. Jetzt erstmal Sonne tanken!“

Das ist die Tonlage, mit der ein politisches Projekt, als das die Gruppe „Extinction Rebellion“ die Baumbesetzung versteht, begleitet wird. Es geht um Öffentlichkeit, es geht um Aufmerksamkeit und offenbar auch ein gutes Lebensgefühl. „Sonne tanken“ ist bei den Besetzern gelebte Freizeitbeschäftigung. Auf einem hohen Stapel Holz genießen zwei junge Männer ein Nickerchen. Und zwischen zwei Bäumen hat ein junger Mann in fünf Meter Höhe eine Hängematte gespannt und döst. Wie alle anderen will er auf Fotos nicht erkannt werden, was nachvollziehbar erscheint: Denn die Besetzung von Bäumen in dem Wald, den das Süßwarenunternehmen Storck selbst vor Jahrzehnten angepflanzt hat, ist genauso rechtswidrig und strafbar wie das Blockieren des Steinhausener Weges mit Baumstämmen.

Szene von der Besetzung des Storck-Waldes in Halle durch autonome Gruppen Foto: Küppers

Obwohl die Besetzer untereinander völlig frei und ohne Hierarchie leben wollen und das auch als „Schutzräume für soziale Experimente“ verstehen, gibt es doch einen festen Tagesplan, der auf einem Pappschild notiert ist: 9.30 Uhr Essen, 10 Uhr Plenum, 12 Uhr Klettertraining, 13.30 Uhr PR-Training für Umgang mit Medien, 17 Uhr Awareness (Pflege von Achtsamkeit), 18 Uhr Essen, 19 Uhr Plenum. Auf der To-do-Liste stehen Barrikaden bauen, Seile einwerfen und Feuerlöscher organisieren.

Mit dem Reporter dieser Zeitung wollen nicht alle reden, weil der in einem Kommentar das Demokratieverständnis kritisch hinterfragt hat. Ein junger Mann redet dann doch, ohne zu verraten, wie er heißt oder wo er herkommt. Mit repräsentativer Demokratie, die letztlich auch die Storck-Erweiterungsplanung mehrheitlich abgesegnet hat, kann er nichts anfangen. Sein Weltbild ist das einer „föderalen Autonomie“, in der keine Mehrheits-, sondern Konsensentscheidungen getroffen werden. Diese Besetzung sei nicht nur ein lokales Projekt, sondern es gehe um weltweite Klimagerechtigkeit. Ganz konkret will der junge Mann bis Ende Februar bleiben, wenn die Frist für Baumfällungen im Storck-Wald abgelaufen ist.

Ob es bis dahin zu einer Räumung des Waldes kommt ist unklar. Storck äußert sich weiter nicht. Und auch die Polizei hat es am Montag beim Beobachten und vereinzelten Gesprächen mit Besetzern belassen. Noch ist die Atmosphäre entspannt.

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