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„Wege durch das Land“ stellt das Motto auf die Probe und testet die Grenzen seines Spektrums aus

OWL-Arena und Stalag 326: Zwischen Tennis und Krieg

Halle/Schloß Holte-Stukenbrock

Es war das zentrale Wochenende von „Wege durch das Land“, denn auf dem Programm des regionalen Literatur- und Musikfestivals stand am Samstag mit „Unendlicher Spaß“ der Roman, der in dieser Saison titelgebend ist.

Von Andreas Schnadwinkel

Stalag 326: Schauspieler André Jung hat in einer ehemaligen Baracke aus den Briefen Kriegsgefangener gelesen. Fotos: Schnadwinkel Foto: Andreas Schnadwinkel

Und größer konnte der Kontrast nicht sein: Im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Stalag 326 wirkten am Sonntag die vorgetragenen Texte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs beklemmend aktuell. Leicht und schwer, profan und historisch: Ist den „Wege“-Machern dieser Spagat gelungen?

Das Timing könnte nicht besser sein, der Ort auch nicht. Und wer gedacht hätte, es gäbe keine Literatur über Tennis, darf sich wundern. In der OWL-Arena, dem Tennisstadion in Halle, stimmt am Samstagabend so ziemlich alles. Es ist Wimbledon-Finalwochenende, und am Ort des größten deutschen Rasenturniers schlägt Andreas Merkel auf – sein Buch. Der Autor hat gerade auf einem Nebenplatz gegen Schauspieler Tom Schilling gespielt und trägt bequeme Sportsachen.

Autor und ehemaliger Tennistrainer: Andreas Merkel hat seinen Schläger und Bälle mit zur Lesung in die OWL-Arena gebracht.  Foto: Andreas Schnadwinkel

„Mein Leben als Tennisroman“ spielt 2017 und handelt von einem 17-jährigen Tennistalent in der norddeutschen Provinz. In seiner Popkultur-Story erweist sich Merkel, der über eine abgelaufene C-Lizenz als Tennistrainer verfügt, als Tennis-Nerd und Rafael-Nadal-Fan. Ballwechsel, die Sekunden dauern, beschreibt er seitenlang. Für Fans der Sportart ein Genuss.

Den Dreiklang aus Ort, Literatur und Musik beim Thema Tennis herzustellen, wäre theoretisch möglich, aber praktisch unmöglich gewesen. Man hätte Chris Rea fragen können, ob er sein Album „Tennis“ (1980) live aufführen möchte, oder Bruce & Bongo mit ihrer Boris-Becker-Hymne „Geil“ (1986). Dann doch lieber die smarte Songwriterin Dota Kehr, die über schwangere Frauen im Baumarkt singt.

Bjarne Mädel (links) und Tom Schilling haben aus dem Roman „Unendlicher Spaß“ gelesen. Der Titel ist das Motto des Festivals. Foto:

Im Tennisdress kommen Bjarne Mädel („Stromberg“, „Mord mit Aussicht“, „Der Tatortreiniger“) und Tom Schilling („Crazy“, „Oh Boy!“, „Werk ohne Autor“) auf die Bühne und schlagen Tennisbälle ins Publikum auf den Tribünen. Die Schauspieler sind gut drauf und verwandeln die Lesung aus „Unendlicher Spaß“ in einen Comedy-Dialog.

Den Ernst des Opus Magnum von David Foster Wallace (1962-2008) hat Albrecht Simons von Bockum Dolffs zuvor in seinen Eröffnungsworten betont. „In dem Roman geht es um die spätkapitalistische Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts. Tennis steht hier für die kapitalistische Ethik, bei der es um Leistung, Gewinnen und Geld geht“, sagt der Dramaturg von „Wege durch das Land“.

„Das wird hart morgen"

In der tragikomischen Geschichte über einen 17-Jährigen an einem Tennis-Internat in den USA beschäftigte sich der legendäre Schriftsteller, der sich 2008 das Leben nehmen sollte, bereits mit Selbstmord. Auch David Foster Wallace war ein Tennis-Nerd und Roger-Fede­rer-Fan. Da darf sein Essay „Federer aus Fleisch und nicht“ hier an der Roger-Federer-Allee nicht fehlen. Der Vortrag macht Lust, sich die beschriebenen „Federer-Momente“ später bei Youtube anzusehen.

Für den Dramaturgen steht am Ende dieses Abends fest: „Das wird hart morgen.“ Morgen ist Sonntag, und hart ist der Kontrast. So hart, dass Albrecht Simons von Bockum Dolffs auf dem Gelände des Stammlagers 326 Senne in Schloß Holte-Stukenbrock, kurz Stalag 326, ein paar Dinge einordnet: „Wir wissen, dass dieser Ort überhaupt gar nichts mit Spaß und Humor zu tun hat.“ Das Motto „Unendlicher Spaß“ sorgt auch wegen des Ukraine-Kriegs immer wieder für Erklärungsbedarf. In der Evangelischen Lagerkirche für Vertriebene, die am 9. Oktober 1949 in ei­ner ehemaligen Baracke für Kriegsgefangene geweiht wurde, liest An­dré Jung aus Briefen von Stalag-Insassen vor.

Helene Grass und Albrecht Simons von Bockum Dolffs. Foto:

In dem Raum ist es buchstäblich totenstill. Niemand weiß, wie viele der mehr als 300.000 vor allem sowjetischen Solda­ten, die im Stalag interniert waren, in diesem Gebäude sterben mussten. Insgesamt geht man von 50.000 Opfern aus, die in diesem Lager den Tod fanden. Die Briefe der Männer, die überlebten, haben das Geschehene auf das Wesentliche reduziert. Und der großartige Schauspieler tut es ihnen gleich. Die Beschreibung der Enthaarungen mit Feuerzeugen zieht einem die Haut zusammen.

Neue Perspektiven

Die Urheber der Texte waren Sowjetbürger und kamen aus den damaligen Sowjetrepubliken Russland, Moldawien und Ukraine. Es fällt nicht leicht, genau zu differenzieren, wer wem zu welcher Zeit Leid angetan hat. Eingeholt von den Realitäten des russischen Kriegs gegen die Ukraine, entstehen neue Perspektiven.

Vor 80 Jahren mussten Russen und Ukrainer unter Deutschen leiden, heute leiden Ukrainer un­ter Russen. Was nichts relativiert und auch auf die zweite Lesung aus Natascha Wodins Buch „Sie kam aus Mariupol“ zutrifft. Tennis und Krieg, das war ein harter Kontrast, den vielleicht nicht jeder Gast beider Veranstaltungen ausgehalten hat. Wem die Berichte der Stalag-Insassen auf der Seele liegen, der sollte an die schwangeren Frauen im Baumarkt denken, von denen Dota Kehr sang. Eine optimistische Vorstellung in diesen Zeiten.

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