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Lehrer und Eltern an Realschule ringen um Entscheidung – Reisekosten sind verloren

Wegen Terror Klassenfahrt abgesagt

Halle (WB). »An diesem Wochenende habe ich mich ziemlich schlecht gefühlt. Aber wenn wir gefahren wären, hätte ich mich wohl noch viel schlechter gefühlt«, sagt Reinhold Borutta. Der Haller Realschullehrer hat eine schwere Entscheidung getroffen. In letzter Minute hat der 58-Jährige eine Klassenfahrt mit seiner 10d nach London abgesagt – wegen akuter Terrorgefahr.

Stefan Küppers

In solche Szenarien wie nach dem Terroranschlag am Freitag in London sollten die Realschüler nicht hinein geraten. Foto: Wigglesworth, dpa

Wie Montag kurz vermeldet, hat der  Terroranschlag am Freitag in der Londoner U-Bahn seine Wirkung bis nach Halle gehabt. Nach dem Unterricht am Freitag las Klassenlehrer Reinhold Borutta die Eilmeldungen über eine BBC-App, dass bei einem Brandanschlag in der Londoner U-Bahn 22 Menschen verletzt worden sind.

Offenes Gespräch mit den Eltern über die Gefahren in London

Borutta war schockiert. Dort, wo die Schüler der bilingualen Klasse 10d in den nächsten Tagen ihr womöglich schönstes Gemeinschaftserlebnis verbringen sollten, hatten IS-Terroristen wieder wahllos versucht Menschen umzubringen. Der Klassenlehrer sprach gleich mit der Schulleitung und Kollegen. »Es gab nicht einen, der mir gesagt hat: Fahr auf jeden Fall«, berichtet Borutta. Viele Schüler der 10d selbst zeigten sich erst gar nicht überzeugt, dass ihre große Klassenfahrt kurzfristig abgesagt werden sollte, erzählt der Klassenlehrer. »Doch die Schüler, die mehr Ängste haben, haben sich wohl auch gar nicht zu Wort gemeldet«, vermutet Borutta.

Zudem war klar: Hier war eine Entscheidung der Erwachsenen gefragt. Über die Whats’s-App-Gruppe der Klasse wurden die Mütter und Väter der 15- und 16-Jährigen zu einem außerordentlichen Elternabend noch am Freitag eingeladen. Am Ende waren von mehr als 20 der 26 Schüler die Erziehungsberechtigten gekommen.

»Es war ein sehr offenes Gespräch mit den Eltern. Ich habe meine Bedenken geäußert und deutlich gemacht, dass ich nicht in der Lage bin, die Schüler alle zu beschützen«, erzählt der Klassenlehrer. Bei der fünftägigen Klassenfahrt in ein Hotel in Golders Green im Norden von London waren zwei volle Besuchstage in London eingeplant, dazu gab es einen weiteren Tagesausflug in die Universitätsstadt Cambridge. Die Schüler hatten für einzelne Sehenswürdigkeiten schon Referate vorbereitet.

Das Unbeschwerte einer Klassenfahrt wäre in einer Stadt mit Terroranschlägen kaum möglich

Doch das Unbeschwerte und Fröhliche an einer solchen Fahrt hat Reinhold Borutta direkt nach einem Anschlag nicht mehr sehen können. Wie kann man in einer Großstadt die Schüler zwischenzeitlich in Kleingruppen auf eigene Faust laufen lassen, so wie es bei älteren Schülern üblich ist, wenn an jeder Straßenecke Sicherheitskräfte noch massierter als sonst stehen? Die britischen Behörden hatten zwischenzeitlich sogar vor »unmittelbar bevorstehenden« Anschlägen gewarnt.

Das Ergebnis der Diskussion mit den Eltern war dann laut Reinhold Borutta eindeutig: »Am Ende wollte niemand mehr, dass wir diese Fahrt noch durchführen.« Dass nach der Entscheidung gegen die Fahrt ihm viele Eltern signalisiert haben, dass es auch ihnen damit jetzt besser gehe, wertet Borutta als Bestätigung.

Die knapp 400 Euro Reisekosten je Schüler sind verloren

Da es keine offizielle Reisewarnung für London gibt, hat die kurzfristige Absage der Klassenfahrt auch finanzielle Folgen. Die 395 Euro für die fünf Tage hatten die Eltern längst bezahlt. Wobei die Entscheidung für die London-Fahrt der bilingualen Klasse schon 2016 gefallen war, als der Terror dort noch nicht so im Fokus war.

Der Reiseveranstalter Klassenfahrtenwelt aus Dresden hat Borutta gegenüber lediglich eine Preisermäßigung für eine eventuelle andere Fahrt in Aussicht gestellt. »Aber das Geld konnte hier nicht das entscheidende Argument sein«, sagt der Klassenlehrer. Reinhold Borutta ist davon überzeugt, dass die Entscheidung richtig war und sie die Klassengemeinschaft eher noch mehr zusammen schweißen wird. Für eine Wiederholung der Fahrt an einen anderen Ort zu anderer Zeit sucht die Schule nun nach Lösungen.

Kommentar

Dass die Schrecken des internationalen Terrors einem so nahe rücken können, das hätten Lehrer der Realschule, die Schüler der 10 d und deren Eltern gewiss nicht gedacht. Wegen des Anschlags in London haben sie sehr kurzfristig eine schwere Entscheidung treffen müssen. Jeder weiß, wie wichtig und oft einmalig schön große Klassenfahrten sind. Und auch wenn Demokraten vor Terror nicht einknicken sollen, haben in diesem Falle Lehrer und Eltern für die Minderjährigen eine nachvollziehbare und verantwortliche Entscheidung getroffen. Die Schüler aber sollten nun keinen Schaden davon tragen, auch wenn der Reiseveranstalter die Kosten von knapp 400 Euro je Schüler nicht ersetzt. Andererseits können auch viele Eltern solche Summen nicht zwei Mal aufbringen. Es wäre also schön, wenn auch der Schulträger, nämlich die Stadt Halle, hier mit einspringen würde. Das wäre ein angemessenes Signal der Solidarität – in Zeiten des Terrors.

Stefan Küppers

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