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Von Beifall bis Entsetzen: Die Meinungen zur Besetzung des Storck-Waldes in Halle gehen auseinander – mit Video

Wenn selbst Grüne gehen müssen

Halle (WB)

„Ist das nicht toll, was die jungen Leute hier machen?“, wird die Reporterin beim Verlassen des Storck-Waldes gefragt. „Die setzen sich für ihre eigene und die Zukunft ihrer Kinder ein, wunderbar“, sagt ein Mann, der mit seinem Hund im Waldstück am Steinhausener Weg spazieren geht.

Kerstin Eigendorf

Die Waldbesetzer haben Bäumen Namen gegeben wie hier Mathilda (rechts). „Steini“ als Kosename des Waldes entstand aufgrund der Lage am Steinhausener Weg. Foto: Eigendorf

Keine 20 Minuten zuvor klingt das beim Betreten des Areals noch ganz anders. Da sagt ein anderer Mann zu ihr: „Armes Deutschland, was für Verrückte. Wo kommen wir denn da hin, wenn hier jeder den Wald besetzt, der ihm gerade passt?“

So würden die Debatten an den momentan coronabedingt nicht möglichen Stammtischrunden in Halle womöglich auch ablaufen. Die Meinungen in Sachen Waldbesetzung sind vielfältig. Und es wird hitzig diskutiert. Wer hat was zu verantworten politisch? Ist das alles noch ziviler Ungehorsam oder schon kriminell? Viele Fragen und noch mehr Antworten. An diesem Samstag könnte sich entscheiden, ob die Waldbesetzer das Areal verlassen. Denn ihr Ziel scheint erstmal erreicht. Storck lässt keine Bäume fällen und hat auch zunächst nicht vor, den Wald zu räumen. Samstagvormittag gibt es ein offenes Treffen der Waldbesetzer mit Bürgern, bei dem besprochen wird, wie es weitergehen soll.

Doch wer sind diese Waldbesetzer eigentlich? Eine bunte Mischung trifft es wohl am ehesten. Da sind mittlerweile durch Aktionen wie der im Dannenröder Forst (Hessen) erfahrene Protestierende dabei, Vertreter der Linken und von „Die Partei“, aber auch junge Leute, die Umweltschutz einfach als ihr Steckenpferd bezeichnen. Zur Wahrheit gehört aber auch dazu, dass sich unter die Waldbesetzer auch Menschen mischen, die dieses Forum für ihre Zwecke nutzen. Das Auftauchen des Haller Waldes online beim „Riot Award“, bei dem Punkte für das Vertreiben der Polizei, das Abbrennen von Fahrzeugen und das Ausheben von Gräben verteilt werden, spricht für sich. Auch wenn zahlreiche Waldbesetzer betonen, diesen Award bis vor Kurzem gar nicht gekannt zu haben.

Unter den Barrikaden befinden sich häufig Stahlrohre, an denen sich die Besetzer festketten können im Falle einer Räumung. Foto: Kerstin Eigendorf

Vertreter von Fridays-for-Future (FFF) haben sich vor dem Waldstück in Form einer Mahnwache platziert. Als die Haller Grünen auftauchen, um die Presse vor Ort über ihre Alternativideen (siehe unten) zu informieren, machen die FFF-Vertreter ihrem Ärger Luft. „Auf die Grünen in Halle sind wir nicht gut zu sprechen“, heißt es. Sie hätten nicht konsequent gegen die Erweiterungspläne der Firma Storck gestimmt. In Windeseile sind zahlreiche Waldbesetzer auch da und fordern die Grünen sehr deutlich dazu auf, ihr Pressegespräch woanders abzuhalten. Die Lokalpolitiker wollen keinen Streit und gehen ein Stück weiter.

Wie schnell man zwischen den Stühlen sitzen kann, zeigt die Situation von Veronika Karpf, Ortsverbandssprecherin der Grünen. Sie ist eine von fünf Grünen – insgesamt sind es zehn Ratsmitglieder –, die gegen den Flächennutzungsplan gestimmt hat. Nun wird sie dennoch wegen der Haltung ihrer Fraktion vor Ort kritisiert. Mit dem Herzen wäre sie sicher auch lieber im Wald als sich als Lokalpolitikerin Vorwürfe anzuhören.

Die Waldbesetzer haben Gräben ausgehoben. Auch das gehört zur Strategie, sich einer Fällung entgegenzustellen. Foto: Kerstin Eigendorf

Auf die Frage, warum sie am vergangenen Wochenende den Wald besetzt haben angesichts der monatelangen Debatte rund um dieses Waldstück und die Storck-Pläne, kommt diese Antwort: Es habe einen Tipp von jemandem, der in einem wichtigen Gremium sitzt, gegeben, dass Storck mit dem Baumfällen loslegen wolle. „Deshalb haben wir am 20. Februar angefangen und lange vorher heimlich alles geplant“, sagt ein Waldbesetzer dieser Zeitung..

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