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Elf Stolpersteine erinnern an Holocaust-Opfer – Familie-Isenberg-Platz eingeweiht – mit Video

»Wer stolpert, schaut hin«

Halle (WB). Eve Isaacson schießen Tränen in die Augen, als sie gewahr wird, welche Ehrung die Stadt Halle ihren im Holocaust umgekommenen Vorfahren zuteil kommen lässt. Von der Umbenennung eines Platzes in den Familien-Isenberg-Platz wird die 77-Jährige völlig überrascht, ebenso wie ihre aus Israel mit angereiste Tochter und Schwiegertochter.

Stefan Küppers

Fünf der elf in Halle verlegten Stoplersteine. Foto:

Es war eine doppelte Aktion, mit der die Stadt und engagierte Einzelpersonen und Gruppen am Montag versucht haben, die Verbrechen an der jüdischen Minderheit in Halle im öffentlichen Raum für alle Menschen sichtbar zu machen und den Opfern nachträglich eine menschliche Würde zurückzugeben.

Dies ist der Hintergrund der sogenannten Stolpersteine, die am Montag der Kölner Künstler Gunter Demnig an der Langen Straße vor den Häusern Nr. 25 und 61 in den Gehweg eingelassen hat. Auf Messingschildern sind in Kurzform die Lebensdaten der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vermerkt.

Zulauf von Interessierten viel größer

Der Aktion voran gegangen war seit 2017 eine engagierte Informations- und Überzeugungsarbeit einer Arbeitsgemeinschaft rund um historisch interessierte Haller. Hier wurde auch das Geld organisiert, um die Aktion zu finanzieren. Als am Montag die Verlegeaktion anlief, war der Zulauf von Interessierten viel größer als es die Veranstalter erwartet hatten.

Vor dem Haus Lange Straße Nr. 25, in dem die Familie Sachs gelebt hatte, standen auf dem schmalen Bürgersteig so viele Menschen, dass wegen des anhaltend starken Verkehrs auf der B68 besondere Vorsicht vonnöten war. Wie auch bei der anschließenden Stolperstein-Verlegung vor dem Haus Lange Straße Nr. 61 (ehemals Fleischerei Rieke), in dem die Familie Isenberg gelebt hatte, erinnerten Schüler eines Geschichte-Leistungskurses am Kreisgymnasium Halle an die Bewohner der Häuser und ihre Schicksale.

Höhepunkt aber war die anschließende kleine Feierstunde auf dem nun ehemaligen von-Kluck-Platz, den die Stadt kurzfristig nach einem einstimmigen Votum des Haupt- und Finanzausschusses in einen Familie-Isenberg-Platz umbenannt hat. Knapp 140 Teilnehmer waren zugegen.

Die Bürgermeisterin dankte der Initiative Stolpersteine und Gunter Demnig für ihr Engagement. Sie begrüßte besonders herzlich mit Eve Isaacson, die mit ihrer Tochter Jennifer Perach (44) und Schwiegertochter Theresa Isaacson (49) gekommen war, die Nachkommen des einzig Überlebenden der Isenberg-Familie. Hans Isenberg war noch rechtzeitig 1938 nach Deutsch-Südwestafrika geflohen. »Wer stolpert, schaut hin. Wer hinschaut, der erinnert sich. So soll es nun auch für uns in Halle gelten«, sagte Anne Rodenbrock-Wesselmann.

Tickets ausgerechnet bei Germania gebucht

Pfarrer Josef Dieste zeigte sich von dem besonderen Moment sehr berührt und bewegt. Und Pastor Tim Henselmeyer rief dazu auf: »Lasst uns das Stolpern neu lernen. Wir stürzen, wenn wir uns nicht bestürzen lassen.« Daniel Graumann spielte mit der Klarinette jüdische Musik, während Jennifer Perach ein jüdisches Totengebet sprach. Den Hallern sagte Eve Isaacson für die Ehrung ihrer Vorfahren tief bewegt mehrfach ein herzliches »Danke«.

Für Eve Isaacson war es bereits der fünfte Besuch in Halle. Diesmal wäre der Besuch beinahe in letzter Minute gescheitert. Denn die Familie hatte Tickets ausgerechnet bei der Fluglinie Germania bestellt, die bekanntlich mit Anmeldung eines Insolvenzverfahrens ihren Flugbetrieb eingestellt hat, und die bereits gekauften Tickets damit quasi wertlos wurden. Die ehemalige Rathaus-Mitarbeiterin Christa Stockkamp, die noch viel im Hintergrund wirkt, sorgte schließlich dafür, dass für die drei Frauen aus Israel noch ganz kurzfristig neue Flugtickets bei der Lufthansa organisiert wurden. Deren Kosten übernahm die Stadt Halle.

Beim Pressegespräch erinnerte Eve Isaacson an eine Begegnung mit dem besten Freund ihres Vaters Hans Isenberg. Denn der Haller Frisör Otto Gabler, der seinen Salon am Gartnischer Weg hatte, sorgte seinerzeit dafür, dass das Klavier der Familie Isenberg sowie eine Kiste, in der die Aussteuer für Hans’ Schwester Klara gesammelt war, aufbewahrt wurde. Klara wurde 1942 ermordet. Die Aussteuer von damals ist innerhalb der Familie vererbt worden.

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