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Mehr als 500 Zuhörer erleben Latin-Jazz bei den Bach-Tagen – „Merci“ für Steffie Ford

Wie cool sind Kubas wilde Rhythmen

Halle (WB). Cool und Kuba, krass und klasse – das sind keine Gegensätze. Jedenfalls nicht an diesem heißen Abend im ausverkauften Storck-Treffpunkt. Mehr als 500 Zuhörer erleben ein außergewöhnliches Trio in einem Latin-Jazz-Konzert der Haller Bach-Tage, das in diesem Jahr ein ganz besonderes Ausrufezeichen setzt.

Klaudia Genuit-Thiessen

Lassen verborgene Schönheiten bei einem Euro-Latin-Musikabend im Rahmen der Haller Bach-Tage im Storck-Treffpunkt entdecken: Sebastian Schunke am Flügel, Benjamin Weidekamp mit der Klarinette und Diego Pinera am Schlagzeug. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Vielleicht avantgardistisch, aber keinesfalls unnahbar, wild und gleichzeitig eine Spur nerdig verblüfft das Trio auf der Bühne das Publikum. Nein, das ist sicher kein Abend, wie man ihn in Halle gewohnt ist. Mit Sebastian Schunke am Flügel, Diego Pinera (Schlagzeug, Perkussion) und Benjamin Weidekamp (Bassklarinette, Elektronik) nimmt bei Storck Steffie Ford Abschied. Die Frau, die fast 25 Jahre lang ein Stück „aus der großen Welt Berlins nach Halle geholt“ hat, wie sich Superintendent Walter Hempelmann bedankt.

Vertraute Jazzidiome und abstrakte Fragmente

Natürlich weiß auch der viermal mit dem Jazzpreis des Berliner Senats ausgezeichnete Pianist und Rechtswissenschaftler Sebastian Schunke, dass Steffie Ford „totales Risiko“ geht, als sie ihn nach Halle bittet. Fast 20 Jahre zuvor hat die Berlinerin, die ihre Wurzeln in der Theaterszene hat und noch von Klaus Oberwelland für die Kulturarbeit bei Storck gewonnen wurde, Schunke zum ersten Mal im Berliner Café „Quasimodo“ gehört. „Aber man entwickelt sich ja weiter“, sagt er.

Zwischen dem Damals und seiner noch abstrahierteren, experimentelleren Musik heute schlägt der klassisch geschulte Pianist an diesem Abend eine Brücke. Natürlich war er mal moderater unterwegs. Doch auch jetzt gibt es berückend schöne Fragmente in seinen Kompositionen. Vertraute Jazzidiome aus der afro-kubanischen Musik blitzen vereinzelt auf, Versatzstücke bekannter lateinamerikanischer Tänze. Ein paar Noten Rumba, ein bisschen Bossa, ein paar Klänge Salsa wechseln mit Elementen Neuer Musik des 21. Jahrhunderts. Etwas flirrt und fegt, klirrt und klopft.

„Kontrollierte Ekstase“

„Jetzt gebe ich mir die Kante“, sagt er selbst, lockt mit Hilfe des kleinen Synthezisers auf dem Flügel ein paar Bass-Loops in den Raum. Mit dem Drummer Diego Pinera, der die Kesselpauke ebenso bearbeitet wie Becken und (Fuß-)Boden hat er einen Partner auf Augenhöhe. Die beiden arbeiten seit Jahren miteinander. Sie spielen viel im Duo, haben sich für den Auftritt in Halle aber den Klarinettisten Benjamin Weidekamp dazu geholt. Ob er sein Instrument über arabische Skalen tanzen lässt oder aus der Bassklarinette auch mit Hilfe der Elektronik unerhört tiefe, fremde Töne hervorzaubert – alle Stücke bergen Überraschungen. „Elusive Beauty“, die verborgene Schönheit, will entdeckt werden in dieser wahnwitzigen Rhythmik, die die traditionelle kubanische Clave mit ihrem Vierviertel-Takt aufbricht, mal in Fünf Viertel, mal in 15. „Das ist kontrollierte Ekstase“, stellt Zuhörer Winfried Simella in der Pause fest, noch vor einem womöglich unspielbaren Schlagzeug-Solo.

Das Konzert ist wieder eine Bereicherung der Bach-Tage. Genau für dieses Stück musikalischer Vielfalt bedankt sich Hempelmann bei Steffie Ford mit einem warmherzigen „Merci“. Sie hat eine Brücke von Kuratorium zu Storck als beständigem Partner geschlagen. Jetzt geht sie in Ruhestand. Die Nachfolge ist geregelt.

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