1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Halle
  6. >
  7. Wo Kaufleute und König verhandelten

  8. >

Im Haller Haus Brune ist Heimatministerin Ina Scharrenbach zu Gast bei der CDU

Wo Kaufleute und König verhandelten

Halle (WB). »Ein Jubiläum ist immer auch ein Echo der Zeit«, sagt Axel Reimers bei der Einleitung zum Heimatnachmittag im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum Thema »300 Jahre Stadtrechte«. Schon Churchill habe gewusst, je weiter wir zurück schauen desto weiter können wir in die Zukunft blicken.

Johannes Gerhards

Der CDU-Stadtverband hat zu seinem Heimatnachmittag auch eine Ministerin ins Kunst- und Kulturhaus Brune eingeladen. Von links Reinhard Stricker (stellvertretender Vorsitzender), Raphael Tigges (MdL), Stadtverbandsvorsitzender Axel Reimers, Vize-Vorsitzende Dr. Ute Müller, Heimatministerin Ina Scharrenbach , Gastgeber Bernhard Seeger, Historikerin Dr. Katja Kosubek, Vize-Bürgermeister Dieter Baars und Dr. Rolf Westheider als Vorsitzender des Kreisheimatvereins. Foto: Johannes Gerhards

Im früheren Gasthaus Brune, dem einzigartigen historischen Ort in Halle, an dem seinerzeit auch die Steuerkommission von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. mit den Haller Kaufleuten über die Einführung der Akzise verhandelte, haben sich auf Einladung des CDU-Stadtverbandes am Samstag rund 60 Interessierte eingefunden. Darunter sind auch die NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, Ina Scharrenbach, Landtagsabgeordneter Raphael Tigges und Gerhard Weber. »Hier im Hause haben wir uns früher regelmäßig zum Stammtisch getroffen«, erinnert sich der Mitbegründer des Haller Modeunternehmens.

»Halle ist geblieben«

»Ohne Steuern kein Staat und auch keine Stadt«, so beginnt Ministerin Ina Scharrenbach ihre Rede in Anspielung auf das Stadtrechtejubiläum. Die heutige Umsatzsteuer verstehe sich in der Tradition der Verbrauchssteuern als Nachfolgemodell der Akzise. Ihr am 30. Juni 2017 neu ins Leben gerufene Ministerium wolle in einer sich ständig verändernden Welt Halt, Orientierung und Struktur bieten und sicher stellen, dass Altes neben dem Neuen erhalten bleibt. Das gelte für historische Bauten wie das Brune-Haus genauso wie für Brauchtum und Handwerk, betont sie mit Blick auf eine alte Kaffeemühle, die ohne Abfall ausgekommen sei. Ganz bewusst gebe es keine einheitliche Definition des Heimatbegriffes wegen der unterschiedlichen, aber unsichtbaren Wurzeln. Allerdings sei Vertrauen die Grundlage von Gemeinwesen, Respekt und Achtung für einander eng daran gekoppelt. In diesem Zusammenhang lobt die Ministerin die Arbeit vieler »positiv Verrückter«, die sich ganz im Sinne Freiherr vom Steins als Ehrenamtliche für die Synthese zwischen Tradition und Moderne einsetzen. »Es lohnt sich, die eigene Heimat weiter zu entwickeln, denn Könige und Kaiser gehen, aber Halle ist geblieben«, so Ina Scharrenbach.

Geschichte neu entdecken

Dr. Rolf Westheider zieht unterdessen eine positive Bilanz des Stadtrechtejubiläums, denn unter dem gemeinsamen Logo der acht Akzisestädte sei trotz der anfangs sperrigen Thematik viel Kreatives entstanden. Auch im was Heimatvielfalt angehe »sehr komplizierten Kreis Gütersloh« habe sich die Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg gelohnt. »Es hat viel Spaß gemacht, Geschichte neu zu entdecken«, betont Westheider mit Blick auf die Wanderausstellung, die noch bis zum 5. November im Foyer der Kreissparkasse zu sehen ist.

Als eine Welt zusammenbrach

Eine etwas andere Sichtweise nimmt Historikerin Dr. Katja Kosubek zur Stadtrechteverleihung ein. In ihrem Vortrag »Es regiert der kalte Rechengeist« weist sie nach, dass zumindest für einige Bürger die Einführung der Akzise mit dem Verlust von Privilegien verbunden war. Unter dem »kleidsamen Mäntelchen landesväterlicher Fürsorge« sei es letztlich nur ums Geld gegangen. Halle gehörte vor 300 Jahren zu den freien Wigbolden und sah sich als bedeutender Handels- und Gerichtsort in einer Reihe mit den Städten Bielefeld und Herford. Gerade das im Jahre 1677 errichtete Haus Brune sei als Amtssitz von Landräten und Wohnhaus von Bürgermeistern und Pastoren ein Symbol bürgerlichen Stolzes. »Hier in diesen Mauern wurden die Kaufleute vor die Wahl gestellt, die Akzise zu akzeptieren oder die Stadt zu verlassen«, sagt Katja Kosubek. Die Welt von Rentmeister Hermann Joseph Meinders und seiner Zeitgenossen brach spätestens vollständig zusammen, als Ludolf Ordelheide aus Steinhagen die symbolträchtige Gerichtslinde am Kirchplatz fällen ließ, um ein nie verwirklichtes Bauvorhaben durchzuführen.

Dasd zerstörte Alte kommt nie wieder

»Trügerisch ist, was Fürsten und Edle versprechen«, mit diesem Meinders-Zitat spannt Katja Kosubek den Bogen in die Gegenwart. »Wenn das Alte zerstört wird, kommt es nie wieder. Wir können nichts erschaffen, was Geschichte atmet«, mahnt die Historikerin auch im Hinblick auf erhaltenswerte Bausubstanz in Halle. Ansonsten werde man Geschichte in Zukunft nur noch als virtuellen Rundgang durch verlorene Kulissen erleben. Einen Vorgeschmack liefert Sebastian Reimers mit seiner VR-Brille und den mittels 360-Grad-Kamera gefilmten Eindrücken der Haller Geschichtspfade.

Startseite