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Esraa Daoud kommt aus Syrien

Nach der Flucht zur Top-Schülerin

Harsewinkel (WB). »Jeden Tag hatte ich Angst, dass mich Soldaten ansprechen und belästigen«, berichtet Esraa Daoud. Vom Krieg in Syrien geprägt, möchte die 20-Jährige, dass mehr Menschen die Lage in ihrem Heimatland verstehen, damit sie auch hier ohne Vorurteile akzeptiert wird. Seit 2015 lebt sie mit ihrer Familie in Harsewinkel und besucht dort das Gymnasium.

Media Mamo

Esraa Daoud kommt aus Syrien. Inzwischen hat sie sich in ihrer neuen Heimat Harsewinkel gut eingelebt. Foto: Media Mamo

In ihrer Schule in Damaskus geriet sie oft in Schwierigkeiten.

»Viele wissen immer noch nicht, wie das Leben in meinem Land ist und warum uns nichts anderes blieb, als zu fliehen«, sagt Esraa. Ihr sei es immer verboten gewesen, die Taten der Regierung zu hinterfragen oder gar darüber zu sprechen. Kein Wort durfte über sterbende Demonstranten oder gefälschte Wahlergebnisse fallen. In ihrer Schule in Damaskus geriet sie genau aus diesem Grund oft in Schwierigkeiten. »Lehrer schickten mich zum Schulleiter, um zu prüfen, ob ich wegen meiner Meinung der Polizei ausgeliefert werden soll«, sagt die 20-Jährige.

Esraa Daoud

In Syrien ist der Einsatz von Schlagstöcken in Schulen üblich. Aufgrund ihrer Religion wurde Esraa Daoud häufiger geschlagen als Klassenkameraden. Die alawitischen Lehrer und Schüler diskriminierten die junge Sunnitin. Obwohl die Religion der Alawiten eine Minderheit im Land darstellt, bildet sie dennoch die politische und militärische Elite. Sunniten machen dort im Gegensatz zu den Alawiten etwa zwei Drittel der Bevölkerung aus. Die Regierung vermittelt auch in Schulbüchern die Glaubensrichtung der Alawiten und unterdrückt dabei andere Religionen. »Ich habe häufig geweint, aber diese Situationen haben mich nur gestärkt«, erklärt die Schülerin.

Esraa verlor ihren Vater im Jahr 2004

Nachdem in der Nähe des Hauses der Familie die Explosionen begannen, entschlossen sich die Daouds zur Flucht. Wegen einer Krankheit verlor Esraa ihren Vater schon im Jahr 2004, weshalb es für ihre allein erziehende Mutter umso schwieriger gewesen sei, mit ihren acht Kindern zu fliehen. Esraa gelang mit sechs ihrer Geschwister und ihrer Mutter 2012 zuerst nach Ägypten und dann nach Dubai. Dort wollte die Familie den Onkel treffen. Einer ihrer Brüder blieb in Damaskus. Weil sie diesen nicht zurücklassen konnten und ebenso nicht in Abhängigkeit vom Onkel leben wollten, kehrten sie zurück, woraufhin Esraa die neunte Klasse beendete. »Als sich die Situation in meinem Heimatland verschlechterte und meine Probleme sich in der Schule entwickelten, mussten wir endgültig fliehen«, sagt Daoud. Die Familie ging in die Türkei und blieb dort anderthalb Jahre. In dieser Zeit schloss Esraa die zehnte Klasse ab. Schließlich kamen sie 2015 nach Deutschland.

Krieg hat nicht nachgelassen

Der schon seit 2011 andauernde Krieg hat bislang nicht nachgelassen. Auslöser waren damals die Demonstrationen gegen die Verhaftungen von Kindern. Hierbei richteten sich die Protestierenden klar gegen die Regierung. Nach und nach weitete sich der Konflikt aus, als sich auch Weltmächte wie die USA oder Russland einbrachten. Jetzt stehen sich unterschiedliche Interessen und Positionen gegenüber, was etwa 500.000 Menschen das Leben kostete.

Esraa Daoud

Esraa hat sich in ihrer neuen Heimat gut eingelebt. »Ich besuche das Gymnasium Harsewinkel und war zuerst gemeinsam mit anderen Geflüchteten in der Willkommensklasse, um die Sprache zu lernen.« Aufgrund ihrer großen Fortschritte wechselte sie schnell in den regulären Unterricht. Mit einem Notendurchschnitt von 1,9 auf ihrem jüngsten Zeugnis zeigt die begabte Schülerin Disziplin und Ehrgeiz. »Weil Physik mein Lieblingsfach ist, möchte ich nach der Schule Physik studieren und später einen Doktortitel erwerben. Damit werde ich die nötige Anerkennung bekommen, um von der Gesellschaft gehört zu werden«, sagt Esraa voller Zuversicht. Fürs Erste freut sie sich, in die zweite Qualifikationsphase starten zu können.

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