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Rheda-Wiedenbrück

Am Drive-In gibt’s diesmal Deftiges

Rheda-Wiedenbrück (lani) - „Auf einmal ist alles anders, auf einmal ist alles still“: Es ist schon bezeichnend, mit welcher Musik das Rosenmontagskomitee (RMK) seine letzte Aktion der laufenden (Nicht-)Session begleitet hat. Statt jecker Muntermacher gibt es in Töne gegossene Melancholie.

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Zwei Portionen der deftigen Erbsensuppe aus der Kellerküche von Guido Lütkewitte, seines Zeichens Vorsitzender des Rosenmontagskomitees Rheda-Wiedenbrück, ließ sich am Sonntag Iris Eickhoff von Sven Grabau durchs Autofenster reichen.

Den Coronasong, in der kölschen Variante „Up Eimol“, ließ Vorsitzender Guido Lütkewitte anlässlich der Erbsensuppen-Aktion der Rheda-Wiedenbrücker Karnevalsschaltzentrale durch die winterliche Luft schallen. Der Sonntag vor Rosenmontag ist für gewöhnlich so etwas wie das große Anheizen für den Höhepunkt des Straßenkarnevals, der tags drauf folgt.

Alles anders als gedacht

Bekanntlich fällt 2021 jedes jecke Treiben flach. „Alles anders“, wie es in dem Lied der Band Rabaue heißt, das RMK-Vorsitzender Guido Lütkewitte mit Bedacht gewählt hat, trifft es dann auch ganz gut. Die obligatorische Narrenmesse wird online gefeiert, Schlüsselübergabe, Party und Tanzdarbietungen wurde schon vor Monaten eine Absage erteilt.

Hintergrund

Für die Jecken aus der Doppelstadt an der Ems ist es das zweite Mal in Folge gewesen, dass der Karnevalssonntag nicht wie gewohnt über die Bühne gehen konnte. Im vergangenen Jahr wurde das Suppe-Essen samt Schlüsselübergabe von Wetterkapriolen vereitelt. Ein Sturmtief machte ein Feiern unter den Planen des Zelts unmöglich. Seinerzeit waren Erinnerungen wach geworden an das Jahr 2016, als der Straßenkarneval am Rosenmontag ausfallen musste und stattdessen im Reethus gefeiert wurde. Der eigentliche Umzug wurde Mitte März bei sonnigem Frühlingswetter nachgeholt. Auch 2019 drohte die Wetterlage den Jecken aus der Doppelstadt einen Strich durch die Rechnung zu machen. Die angekündigten hohen Windgeschwindigkeiten bereiteten den Vertretern der Vereine sowie den Behörden im Rathaus bis zum letzten Moment Kopfzerbrechen. Absagen oder nicht absagen? Diese Frage galt es zu beantworten und dabei das Gefahrenpotenzial immer im Blick zu haben. Damals reichte es aber aus, die schwersten Böen abzuwarten und den Startschuss für das bunte Treiben um eine Stunde nach hinten zu verschieben. Tausende Besucher wollten sich seinerzeit das Schauspiel in den beiden Innenstädten nicht entgehen lassen. Sie wurden mit 42 prächtigen Wagen und schmucken Fußgruppen belohnt.

Folglich braucht es zum Karneval 2021 auch kein Zelt auf der Schanze. Dort stimmen sich die Vereine in normalen Zeiten am Sonntag zünftig mit Erbsensuppe auf das ein, was da kommen mag in den Stunden danach bis Veilchendienstag.

„Zuerst den Vogel gezeigt“

„Wir können das doch nicht ganz unter den Tisch fallenlassen“, dachte sich Guido Lütkewitte und trat mit der Idee zunächst an seine Familie, dann an das gesamte RMK heran, das Erbsensuppenessen für die Wiedenbrücker Vereine privat und zum Mitnehmen zu organisieren. „Zuerst zeigte man mir einen Vogel. Nach ein paar Tagen waren dann aber doch alle Feuer und Flamme“, erinnert sich der Vorsitzende.

100 Bestellungen

Gesagt, getan. In den kommenden Tagen wurde organisiert, was das Zeug hält. Schließlich war man sich in der Führungsriege des Komitees einig, dass alles coronakonform über die Bühne gehen müsse. Daher hielt man auch stetig Kontakt mit den örtlichen Behörden, die in die Aktion eingeweiht waren.

Mehr als 100 Bestellungen für die Suppe gingen beim Vorsitzenden ein. Da traf es sich gut, dass dieser mit dem Zubereiten solcher Mengen vertraut ist. Der gelernte Koch verarbeitete am Sonntagmorgen somit 45 Liter Brühe, zehn Kilogramm Kartoffeln, ebenso viele Erben sowie 4,5 Kilogramm Speck und Fleischwurst.

Coronakonform serviert

Frisch abgepackt wurde die dampfende Köstlichkeit am Drive-In-Schalter vor dem Eigenheim der Familie am Südring den Jecken durchs Autofenster gereicht. Die quittierten den Service, trotz der Tatsache, dass sich zwischenzeitlich der eine oder andere Stau bildete, mit einem Hupkonzert.

Prinzenschnaps für Beifahrer

Weil eine gut gewürzte Suppe bekanntlich auch durstig macht, hatten Betty und Hans Hiltscher, die Nachbarn der Lütkewittes, auf ihrer Hofeinfahrt ebenfalls einen Verköstigungsstand aufgebaut. Ein direkter persönlicher Kontakt war aber auch bei ihnen tabu. Sie reichten den Suppenkunden die passende „Drinks“ zum Mittagessen: „Prinzenschnaps“ für die Beifahrer, Wasser oder Limo für die Fahrer.

Typisch westfälisch

Typisch westfälisch-jeck den Corona-Karnevalssonntag begehen wollten dann nicht nur Vertreter der „Grünen“, des Wiedenbrücker Carnevalsvereins, und der „Roten“, der Karnvalsgesellschaft (KG) Helü, sondern auch Marco und Thomas Lohmann sowie Daniel Hinschen. Die Drei, die sonst für den Programm im Zelt auf der Schanze verantwortlich zeichnen, hatten im Vorfeld Wind von der Aktion bekommen und ebenfalls Suppe geordert. „Da konnten wir natürlich nicht nein sagen“, erläutert Guido Lütkewitte. Mit den Organisatoren und dem Festwirt verbinde das RMK ein jahrelang bewährte Zusammenarbeit. Da gebe man in dieser besonderen Situation gern etwas zurück – „und wenn es nur Suppe ist“, sagt Lütkewitte und lacht dabei.

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