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Rheda-Wiedenbrück

Brandsatz vor Tönnies-Villa entdeckt

Rheda-Wiedenbrück (sud). Nach einem mysteriösen Fund auf der Zufahrt des Privathauses von Clemens Tönnies hat der Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen. Am Donnerstag waren Fackeln, Feuerzeuge und Behälter mit Flüssigkeiten auf dem Weg zum Wohnhaus des Fleischkonzernchefs entdeckt worden.

Symbolbild. Foto: Jörn Hannemann

Die Fundstücke waren auf der Zufahrt zu Tönnies’ Privatanwesen in Nordrheda-Ems drapiert worden. Bei den Gegenständen handelte es sich allem Anschein nach um Utensilien für einen Brandanschlag. Dazu kam es aber nicht.

Staatsschutz Bielefeld ermittelt

Der bei der Polizeibehörde Bielefeld beheimatete Staatsschutz für Ostwestfalen-Lippe hat dennoch die Ermittlungen aufgenommen. Das bestätigte am Freitag Sprecherin Sonja Rehmert auf Nachfrage dieser Zeitung. Die Untersuchung der Beweisstücke sei indes noch nicht abgeschlossen. Einzuschätzen, ob es sich bei dem Vorfall lediglich um eine womöglich straflose Vorbereitungshandlung handele oder doch um eine reale Bedrohung für Leib und Leben, obliege im nächsten Schritt der Staatsanwaltschaft.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um eine politisch motivierte Tat handele, sagte Polizeisprecherin Sonja Rehmert. Deshalb habe der Staatsschutz die Leitung der weiteren Ermittlungen übernommen.

Bekennerschreiben kommt per Post

Zu einem Brand war es auf dem Grundstück des nach dem massenhaften Corona-Ausbruch in seinem Betrieb in die Kritik geratenen Fleischwerkchefs Clemens Tönnies jedoch nicht gekommen. „Keiner der vorgefundenen Gegenstände wurde angezündet“, erläuterte Rehmert. Zudem seien die Utensilien zu weit vom Wohnhaus entfernt positioniert worden, als dass sie für das Gebäude und seine Bewohner hätten gefährlich werden können.

Die Polizeisprecherin bestätigte, dass am Freitag ein Bekennerschreiben eingegangen ist. Dieses ist dem Vernehmen nach der Tönnies-Konzernzentrale in Rheda per Post zugestellt worden. Auch dieses Schriftstück werde jetzt von Experten eingehend untersucht – mit dem Ziel, Rückschlüsse auf den oder die Verantwortlichen ziehen zu können.

Zeitpunkt der Ablage unklar

Wann genau und von wem das Handwerkszeug für einen etwaigen Brandanschlag auf der Zufahrt des Tönnies-Anwesens abgelegt worden war, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch völlig unklar. Fest steht bislang nur, dass ein Hausangestellter der Familie Tönnies die seltsamen Hinterlassenschaften am Donnerstagvormittag entdeckte.

In dem zweiseitigen Bekennerschreiben, das der Lokalredaktion in Kopie vorliegt, übernehmen zwei Organisationen die Verantwortung für den potenziellen Brandanschlag: Die Revolutionären Aktionszellen sowie die Westfälische Animal Liberation Front (zu deutsch Tierbefreiungsfront) sprechen von einer gemeinsamen Aktion gegen Konzernchef Clemens Tönnies.

Aktivisten sympathisieren mit RAF

Man habe bereits Brandsätze vor der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg hinterlassen und nun auch dem Rhedaer Unternehmer „einen feurigen Besuch in der Nacht“ abgestattet. Tönnies sei die Spitze des Eisbergs des kapitalistischen Systems. Menschen wie Tönnies müsse die Gesellschaft den Kampf ansagen. Mit dem Sammeln von Unterschriften oder dem Veranstalten von Demonstrationen könne man nichts verändern.

Gleich an mehreren Stellen klingt in dem Bekennerschreiben eine zumindest geistige Nähe der Verfasser zur Roten Armee Fraktion (RAF) an. Mehrere tatsächliche oder mutmaßliche Mitglieder der linksextremistischen terroristischen Vereinigung, auf deren Konto seit den 1970er-Jahren in Deutschland bis zu 34 Morde an Führungskräften aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft gingen, werden explizit erwähnt: Die 1976 verstorbene RAF-Terroristin Ulrike Meinhof bezeichnen die Unterzeichner des Briefs sogar als „unsere ermordete Genossin“. Zudem zitieren sie die 1947 in Bielefeld geborene ehemalige RAF-Terroristin Irmgard Möller und nennen im letzten Absatz auch Friederike Krabbe (1950 in Bentheim geboren), die als mutmaßliches ehemaliges Mitglied der verbotenen Vereinigung gilt.

Nicht zuletzt diese offensichtlichen Bezüge zur RAF dürften den Bielefelder Staatsschutz auf den Plan gerufen haben. Inzwischen soll sich auch die Generalbundesanwaltschaft in die Ermittlungen eingeschaltet haben. Dafür war am Freitagabend jedoch keine Bestätigung mehr zu erhalten.

Morddrohungen gegen Firmenchef

Die Firma Tönnies wollte sich trotz Nachfrage nicht zu den Vorgängen auf dem Privatwohnsitz ihres Mitbegründers äußern. Nach dem Corona-Ausbruch in der Belegschaft sah sich Clemens Tönnies zuletzt immer wieder mit Morddrohungen konfrontiert.

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Reporter Christian Althoff berichtet von vor Ort:

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