Rheda-Wiedenbrück

Es kommt zusammen, was zusammengehört

Rheda-Wiedenbrück (kvs) - Am Donnerstagmorgen kommt im Museum Wiedenbrücker Schule zusammen, was zusammengehört. Ein etwa 120 Jahre alter Hochaltar hält Einzug an dem Ort, der einst für den Bau von sakralen Objekten seiner Kategorie geschaffen worden ist. Seine Reiseroute: überschaubar.

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Im Museum Wiedenbrücker Schule ist am Donnerstag zusammengekommen, was zusammengehört. Ein etwa 120 Jahre alter Hochaltar hat Einzug an dem Ort gehalten, der einst für den Bau von sakralen Objekten seiner Kategorie und Kunstrichtung geschaffen worden war. Für Museumsleiterin Christiane Hoffmann ging damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Foto:

Anfang der 20. Jahrhunderts in der Werkstatt Becker-Brockhinke am Nonenwall entworfen, von Wiedenbrücker Künstlern sowie Kunsthandwerkern in Form gebracht und anschließend an seinen Bestimmungsort, das einen Steinwurf entfernte Franziskanerkloster, gebracht, hat der Altar neugotischen Stils stets Standorttreue bewiesen. Dass er nun seinen Weg ins Museum gefunden hat, ist erneut Ausdruck eines guten nachbarschaftlichen Miteinanders.

Eine Leihgabe auf Dauer

So stellt die Klostergenossenschaft dem Museum den Altar als Dauerleihgabe zur Verfügung. Leiterin Christiane Hoffmann ist angesichts dessen am Donnerstag die Glückseligkeit in Person: Mitarbeiter der Firma Peterburs tragen Sorge dafür, dass das historische Stück im ehemaligen Franziskanerdomizil abgebaut wird und unbeschadet seinen Weg zum neuen Standort findet. Zuletzt kommt ein Kranwagen zum Einsatz, der besonders schwere Elemente des Bausatzes durch eine Außentür in das erste Obergeschoss hievt.

Es mag merkwürdig anmuten, dass das Museum, das in einer ehemaligen Altarwerkstatt der Wiedenbrücker Schule sowie dem einstigen Wohnhaus seiner Betreiber beheimatet ist, bislang über keinen Altar verfügte. Bei der Gründung der Institution sei schlichtweg keiner verfügbar gewesen, sagt Christiane Hoffmann. Umso dankbarer ist sie, dass die Nachbarn aus dem Kloster ihr jenen überließen, der im Eingangsbereich stand und offenbar ausschließlich zu Prozessionszwecken am Fronleichnamstag genutzt wurde. Frühmorgens wurde er auf dem Marienplatz aufgestellt, abends wieder reingeholt.

Die „Denke“ dahinter

Für Christiane Hoffmann ist der Altar deshalb so wertvoll, „weil ich daran zeigen kann, welche Denke hinter der Wiedenbrücker Schule steckt“. Eine ganze Stadt habe zur Blütezeit von der Herstellung sakraler Kunst- und Einrichtungsgegenstände gelebt. Anfang des 20. Jahrhunderts seien auf die 2000 Menschen im Ort 500 Vollzeitjobs in der Branche gekommen, deren Werke heute in Kirchen, Klöstern und Synagogen auf der gesamten Welt zu finden sind. Jede Werkstatt hatte eine Spezialisierung. So gab es Kunsttischler, Bildhauer, Altarbauer, Maler, Polychromeure, Ornamentiker und andere Handwerker. Da die Kirchen Hauptauftraggeber waren, wurden die Arbeiten fast ausschließlich in den historistischen Stilen der Neo-Gotik oder Neo-Romanik gefertigt. Die akademisch ausgebildeten Künstler agierten als Netzwerker, teilten Aufträge untereinander auf. Das gilt als einmalig.

Ein Gesamtkunstwerk

Das Museum Wiedenbrücker Schule ohne Altar? Eigentlich undenkbar, ist das denkmalgeschützte Domizil der Institution doch Anfang des 20. Jahrhunderts von Bernhard Diedrichs und Franz Knoche im Stil des Historismus als Altarbauwerkstatt mit angegliedertem Wohnhaus errichtet worden. Letzteres Objekt ist als Gesamtkunstwerk zu betrachten: Weil die Unternehmensgründer ja schlecht in einem Schaufenster präsentieren konnten, was ihr Metier ist, nutzten sie kurzerhand die komplette Fassade, um zu zeigen, was sie anzubieten haben. Man sollte von außen erkennen, was im Inneren entstand.

Aufgefressen von den Hypotheken

Trotz großen geschäftlichen Erfolgs musste die Firma der beiden Männer, die über die Heirat mit einem Schwesternpaar miteinander verwandt waren, Konkurs anmelden. Aufgefressen von den Hypotheken trotz voller Auftragsbücher. Viele andere sollten noch folgen. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ging der schleichende Niedergang der Wiedenbrücker Schule einher.

Vergleichsweise klein

Der Altar, der seit Donnerstag eine neue Heimat im Museum hat, ist mit einer Höhe von 3,20 Metern vergleichsweise klein. Bernhard Diedrichs und Franz Knoche hatten ihre Werkstatt so konzipiert, dass auch Exemplare mit einem Dreifachen dieses Umfangs dort vormontiert werden konnten. Mit der Pferdekutsche wurden die Werke nach der finalen Abnahme zum Bahnhof transportiert. Von dort fanden die Altäre und anderen Kunstgegenstände aus Wiedenbrück per Eisenbahn den Weg in die ganze Welt.

Perfekt umgesetzte Arbeit

Es sei eine perfekt umgesetzte Auftragsarbeit, ist Christiane Hoffmann schwer angetan von dem neuen Prunkstück, das den Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung in der ehemaligen Werkstatt bilden wird. „Ein erstklassiges Beispiel für die Wiedenbrücker Schule, die Proportionen optimal ausgeprägt – das macht ihn für uns so attraktiv.“

Wer Altäre kann, kann auch Kommoden

In der Blütezeit der Wiedenbrücker Schule arbeiteten hunderte Menschen in 25 Ateliers sowie Werkstätten, die im Stil des Historismus arbeitsteilig Innenausstattungen für Kirchen, profane und sakrale Kunst fertigten. Weil der Markt für diese Produkte zusehends kleiner wurde, verlagerte sich das unternehmerische Engagement mehr und mehr in Richtung Möbelproduktion. „Wer einen Altar bauen kann, ist auch in der Lage, Kommoden zu produzieren“, sagt Christiane Hoffmann.

Wer die neu arrangierte Ausstellung in dem Museum an der Rietberger Straße erkunden möchte, muss sich noch etwas gedulden: Aufgrund der Coronaschutzverordnung darf das Museum frühestens wieder am 15. Februar öffnen.

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