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Rheda-Wiedenbrück

„Fleischbarone“ sollen mehr zahlen

Rheda-Wiedenbrück (kaw) - Um ihren Mindestlohnforderungen Nachdruck zu verleihen und Kontakt zu den Tönnies-Mitarbeitern zu knüpfen, haben die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am Freitag zum Protest vor dem Fleischwerk in Rheda aufgerufen.

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Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie wurde bei der Protestaktion vor dem Tönnies-Stammsitz in Rheda von diversen Plakatsprüchen untermalt – angefangen von „Wir sind kein Schlachtvieh“ über „Faire Bezahlung für unsere Arbeitsleistung“ bis hin zu „Schluss mit den Billiglöhnen in der Fleischindustrie“. Flagge zeigten auch Plamena Georgieva (l.) und Attila Szasz vom Projekt „Faire Mobilität“.

Mehrere Dutzend Menschen haben sich vor den Werkstoren eingefunden, der Großteil von ihnen Angehörige von Parteien und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen. Die Beschäftigten selbst tauchen nur vereinzelt in dem Protestgeschehen auf, passieren es zumeist auf dem Weg aus dem oder zum Werksgebäude, und nehmen die Flugzettel mit Infos in deutscher, rumänischer, ungarischer sowie polnischer Sprache entgegen. Mit dem einen oder anderen entwickelt sich ein Gespräch.

Erst der Anfang

„Wir würden uns wünschen, dass sich mehr Beschäftigte beteiligen“, sagt Armin Wiese von der NGG Region Detmold-Paderborn gegenüber dieser Zeitung und betont zugleich: „Das heute ist der erste Aufschlag, das wird natürlich weitergehen.“

Damit meint er den Kampf der Gewerkschaften für mehr Lohn und einen einheitlichen Tarifvertrag in der bundesdeutschen Fleischindustrie, der etwa auch Urlaubsansprüche regelt. Auf Plakaten und Handzetteln sind die Forderungen unübersehbar: 12,50 Euro brutto pro Stunde Mindestlohn, 14 Euro für Kräfte nach kurzer Einarbeitungszeit und 17 Euro für Facharbeiter.

Forderung: „Endlich ordentliche Löhne“

Zahlreiche Redner finden deutliche Worte. Thomas Bernhard, Gewerkschaftssekretär der NGG, blickt auf die letzten drei gescheiterten Tarifverhandlungsrunden zurück und kündigt an: „Wir werden die Fleischbarone vor uns hertreiben“, und zwar so lange, bis „endlich ordentliche Löhne“ gezahlt würden. Zugleich werde man versuchen, mehr mit den Arbeitnehmern in Kontakt zu kommen, und ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln, „um gemeinsam zu einer guten Sache zu kommen“.

Auf Rumänisch wendet sich Szabolcs Sepsi, Teamleiter des Beratungsbüros des DGB-Projekts „Faire Mobilität“ in Rheda, an die Zuhörer. Von 10,50 Euro wie angeboten könne man nicht leben, beklagt er und ermutigt die Arbeiter, sich im Kampf um ihre Rechte nicht entmutigen und einschüchtern zu lassen.

Inge Bultschnieder hat die „Laberei“ satt

Vor Jahren seien noch Löhne von 4,50 Euro gezahlt worden, sagt Inge Bultschnieder von der Rheda-Wiedenbrücker Interessengemeinschaft Werkfairträge. Sie macht nur allzu deutlich, dass sie die „Laberei“ satt habe und man endlich zu einem gleichberechtigten Miteinander kommen müsse.

Von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (Bezirksverband Paderborn-Höxter) ergreift Ansgar Moenikes das Wort und fordert, „endlich Menschenwürde durchzusetzen, auch in der Fleischindustrie“.

Grüne: „Schöne neue Tönnies-Welt lässt auf sich warten“

„Die schöne neue Tönnies-Welt gibt es noch nicht“, betont der Rheda-Wiedenbrücker Grünen-Fraktionsvorsitzende Volker Brüggenjürgen, dass man „noch ganz am Anfang“ stehe, was das Einkehren „vernünftiger Arbeitsverhältnisse“ angehe.

Unter einer Verbesserung der Verhältnisse verstehe sie nicht nur eine Festanstellung, sondern auch Mitbestimmung und Unterkünfte seien zu berücksichtigende Aspekte, sagt Anja Piel vom DGB-Bundesvorstand gegenüber dieser Zeitung. Hier in Rheda sei „jemand, der behauptet, er hätte aus der Krise gelernt, macht aber in Tarifverhandlungen den NGG-Kollegen keine ernst zu nehmenden Angebote“, kritisiert sie.

Unternehmen weist Kritik zurück

Das sieht die Firma Tönnies offenbar anders. In einer Stellungnahme betont das Unternehmen, dass es sich weiterhin für einen flächendeckenden Branchentarifvertrag einsetze. „Dieser Tarifvertrag soll das Einstiegsgehalt für einfache Hilfstätigkeiten innerhalb der Produktion bundesweit erhöhen.“ Der überwiegende Teil der Tönnies-Belegschaft liege ohnehin schon heute darüber. „Wir haben derzeit in der Produktion vier Lohngruppen zwischen 9,50 Euro und 18 Euro. Der Durchschnittslohn liegt bei 11,35 Euro.“

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