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Rheda

Früh klingelt der Wecker auf Schloss Rheda

Rheda

Auf ein erfülltes Leben blickt die 90-jährige Sissi Fürstin zu Bentheim-Tecklenburg zurück, und möchte noch immer Dinge bewegen.

Die ehemalige Küche von Schloss Rheda ist das aktuelle Domizil von Sissi Fürstin zu Bentheim-Tecklenburg, die gerade ihr 90. Lebensjahr vollendet hat. Der Wandbehang im Hintergrund stammt von ihrem Schwager Nicolaus Prinz zu Bentheim-Tecklenburg, der lange als Künstler in Rom wirkte.

Rheda-Wiedenbrück (eph) - Die langjährige Herrin von Schloss Rheda, Sissi Fürstin zu Bentheim-Tecklenburg, hat am vergangenen Montag ihr 90. Lebensjahr vollendet. „Ganz klein“, sagt die Jubilarin, habe sie ihren Geburtstag gefeiert – wegen der Corona-Pandemie und aufgrund der aktuellen Vorgänge in Europa, von denen sie sich sehr betroffen zeigte. „Mir geht es gut“, sagt die betagte und zugleich geistig und körperlich fit wirkende 90-Jährige. Ihr Zuhause ist seit dem Tod von Ehemann Moritz Kasimir Schloss Rheda. Dort lebt die vielseitig interessierte und engagierte Sissi mit ihren beiden Rauhaardackeln Lilli und Fratzi weitgehend selbstständig, nur von einer Haushälterin versorgt und der Caritas pflegerisch betreut.

Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Nach dem Frühstück und intensiver Lektüre der Tagespresse geht sie mit ihren Hunden im Schlosspark spazieren. Viel Zeit verbringt sie mit der Pflege ihrer internationalen Korrespondenz und dem Bücherstudium. Aktuell liegt „Die Zitadelle“ von Antoine des Saint-Exupéry auf dem Tisch. „Ein Monsterwerk“, sagt Sissi über das Buch, das die fließend Französisch sprechende Frau „selbstverständlich“ in Originalsprache liest. Gefragt nach schönen Erinnerungen, fängt die Mutter von vier Söhnen und vier Enkelkindern an zu erzählen: Von ihrer leider zu früh verstorbenen Freundin Beatrix Gräfin von Schönburg, der Mutter von Fürstin Gloria zu Thurn und Taxis, auf deren Hochzeit im Schloss Crassenstein in Wadersloh sich die Beziehung zu ihrem späteren Ehemann Moritz Kasimir anbahnte. Davon, wie das junge Paar Haus Bosfeld als seine Wohnstätte in ein „schönes Kleinod“ verwandelte und davon, wie sie Schloss Rheda zu einem bewohnbaren Schloss machten. 

Gern blickt Sissi Fürstin zu Bentheim-Tecklenburg auf Musikfeste und Kunstausstellungen zurück

„Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Wir haben zusammen viel Schönes erlebt“, sagt sie und denkt an die vielen interessanten Begegnungen und Veranstaltungen rund um ihre jeweilige Wohnstätte – an die „Musikfeste mit erstklassigen Barockmusikern“ im Schloss und in der Orangerie, an die Kunstausstellungen in ihrer Herzebrocker Galerie oder ihre vielfältigen Kontakte zu Künstlern aus der ehemaligen DDR. Insbesondere in Umwelt- und Denkmalschutz hat sie sich Zeit ihres Lebens stark engagiert. Sie ist Gründungsmitglied der Gemeinschaft für Natur und Umweltschutz (GNU) im Kreis Gütersloh, die vor fast einem halben Jahrhundert aus der Taufe gehoben wurde. Ein großes Thema war für sie und ihre Mitstreiterinnen die Flurbereinigung im Kreis Gütersloh. Als es um die Begradigung des Clarholzer Axtbachs ging, gelang es ihr als ehemaliger Mitarbeiterin der französischen Nachrichtenagentur AFP, die Frankfurter Allgemeine Zeitung für das Thema zu mobilisieren. Stolz zeigt sie eine Kopie eines groß aufgemachten FAZ-Artikels dazu. Klar Stellung bezog sie jüngst auch gegen den Bau der B 64 n. Was sie besonders freut: „Dass hier Menschen aus verschiedenen politischen Lagern für dasselbe Anliegen kämpfen.“

Denkmalschutz liegt ihr am Herzen

Zu den Verdiensten von Sissi Fürstin zu Bentheim-Tecklenburg zählt ihr Einsatz für den Denkmalschutz. Die von ihr einst mitgegründete Deutsche Stiftung Denkmalschutz trug ihr und dem Tagungsort zu Ehren zuvor sogar den Namen Bosfelder Kreis. Eng mit dem Namen der Jubilarin verbunden ist auch die Rettung von Haus Aussel in Batenhorst. „Das wäre sonst im Freilichtmuseum Detmold gelandet“, erinnert sie sich. Und auch gegen den Kahlschlag der Rhedaer Altstadt und eine Bebauung der Gärten hinter dem Witwen-Palais am Steinweg zog sie einst gemeinsam mit anderen Betroffenen erfolgreich zu Felde. Für die Zukunft wünscht sie sich, so weitermachen zu können wie bisher. Sie sagt: „Ich möchte mich mit Menschen austauschen, die die gleichen künstlerischen und literarischen Interessen haben wie ich. Und ich möchte weiter Dinge in Bewegung bringen.“ Auch sie selbst will in Bewegung bleiben. Gefragt nach aktuellen Reiseplänen, antwortet sie prompt: „Berlin und Weimar sehen“, und fügt hinzu: „Und ja, schreiben Sie, auch Potsdam und seine Museen. Da ist alles so schön ebenerdig.“

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