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Rheda-Wiedenbrück

Grüne üben Kritik an  Kreisverwaltung

Rheda-Wiedenbrück (sud) - Mehr als sieben Wochen nach dem zweiten Lockdown im Kreis Gütersloh aufgrund des massenhaften Corona-Ausbruchs bei der Firma Tönnies fordern die Rheda-Wiedenbrücker Bündnisgrünen eine kritische Bewertung des Krisenmanagements der Kreisverwaltung.

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Zudem wollen sie einer Legendenbildung entgegenwirken.Der Kreis Gütersloh habe bei der Bewältigung des lokalen Pandemie-Geschehens zwar vieles richtig gemacht, aber eben auch schwerwiegende Fehler begangen, sagen Volker Brüggenjürgen, Grünen-Chef im Rheda-Wiedenbrücker Stadtrat, sowie sein Fraktionskollege Andreas Hahn. Eine umfassende Fehleranalyse tue deshalb not, „allein schon deshalb, um bei einem ähnlichen Szenario künftig besser reagieren zu können“.

Verantwortung auch für Fehler

Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) habe sich mit markigen Worten und mutigen Ankündigungen als entschlossener Krisenmanager inszeniert, sagt Brüggenjürgen. Aber es sei mitnichten alles reibungslos gelaufen, „auch wenn das im Nachhinein gerne so dargestellt wird“. Adenauer müsse nicht nur die Verantwortung für Richtiggemachtes, sondern auch für Fehler übernehmen.

Ein Knackpunkt ist aus Sicht der Grünen der Umstand, dass bis heute nicht eindeutig geklärt sei, wie viele Werkvertragsarbeiter und Direktangestellte bei Tönnies in Rheda tätig sind. Der Kreis habe vorige Woche öffentlich von 8801 Personen gesprochen, Tönnies tags darauf von rund 7000 Beschäftigten. Andreas Hahn: „Herr Adenauer muss sich vorwerfen lassen, dass die von ihm geführte Kreisverwaltung bis zum heutigen Tag noch immer keine Ahnung hat, wie viele Arbeiter und Angestellte insgesamt und wie viele Werkvertragsbeschäftigte im Besonderen bei Tönnies tätig sind.“ Vor diesem Hintergrund müsse man sich fragen, wie eine Infektionskontrolle funktionieren soll, wenn Unternehmen und Behörde von „unterschiedlichen Namen- und Adresslisten ausgehen“.

„An Chaosmanagement kaum zu überbieten“

Brüggenjürgen spricht von einem „chaotischen Verwalten und Überarbeiten von Personenlisten“ durch die Kreisverwaltung. Das habe nach dem Ablauf der Quarantänepflicht für Hunderte negativ getestete Tönnies-Beschäftigte am 17. Juli dazu geführt, dass sie „offensichtlich unbegründet und damit rechtswidrig“ weiterhin in ihren Wohnungen bleiben mussten. Allein in Rheda-Wiedenbrück seien mehr als 600 Arbeiter betroffen gewesen. „Das ist an Chaosmanagement kaum zu überbieten“, sagt Brüggenjürgen.

Lob für schnelles Eingreifen der Stadt

Nur durch das schnelle Eingreifen der Stadt habe die Situation entschärft werden können. „Großartig unbürokratisch“ habe Bürgermeister Theo Mettenborg (CDU) reagiert, als er binnen weniger Tage mehrere Hundert Bescheide über nicht gerechtfertigte Quarantäneverlängerungen widerrufen habe.

Unzureichende Auskünfte

Dass zahlreiche Quarantäne-Betroffene berichteten, bei der vom Kreis eingerichteten Hotline keine oder nur unzureichende Auskünfte erhalten zu haben, kreiden Brüggenjürgen und Hahn ebenfalls negativ an. „Die Bürger sahen sich einer Bürokratie ausgeliefert, die nicht funktioniert“, sagt Hahn und spricht von einer „offensichtlich gestörten Kommunikation“ der Kreisverwaltung mit ihren Bürgern.

Den Quarantänemaßnahmen entzogen

Einen entscheidenden Fehler habe der Kreis schon zu Beginn des massenhaften Corona-Ausbruchs bei Tönnies begangen, erklären die Grünen. Am 23. Juni habe Adenauer den kreisweiten Lockdown und zugleich die Quarantäne für alle Tönnies-Beschäftigten verkündet. Kontrolliert worden, ob sich alle daran halten, sei allerdings erst Tage später. „Dieser lange Zeitraum hat dazu geführt, dass sich viele Betroffene den Quarantänemaßnahmen durch ihre Abreise entziehen konnten“, sagt Andreas Hahn. Weit mehr als zehn Prozent der Menschen, die sich in Quarantäne begeben mussten, seien von den Kontrollteams des Kreises nicht an ihren Meldeadressen angetroffen worden.

Kritik an kreisweiten Schließungen

Dass es trotz der Versäumnisse des Kreises nicht zu einem massenhaften Corona-Ausbruch auch in den übrigen Teilen der Bevölkerung gekommen sei, sei nicht das Verdienst von Adenauer. „Dieser Umstand beweist vielmehr, wie strikt die Trennlinien zwischen den osteuropäischen Werkvertragsarbeitnehmern und den übrigen Bürgern immer noch sind“, erläutert Brüggenjürgen. Kritik üben die Grünen auch an den kreisweiten Schul- und Kindergartenschließungen während des zweiten Lockdowns. Hier hätte der Kreis umsichtiger vorgehen müssen. Vor allem im Norden hätten viele Bildungs- und Betreuungseinrichtungen geöffnet bleiben können. Die Umweltpartei spricht deshalb von einem „falschen und unangemessenen Schnellschuss“.

„Nicht am Glorienschein putzen“

Von der Kreisverwaltung wünschen sich die Rheda-Wiedenbrücker Grünen nun „eine kritische Rückschau auf ihr eigenes Krisenmanagement“. Es gelte, Fehler deutlich zu benennen und aus ihnen zu lernen. „Das erscheint uns ehrlicher und zielführender, als am eigenen Glorienschein des erfolgreichen Krisenmanagers zu putzen“, erklärt Ratsherr Hahn in Richtung des Landrats.

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