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Rheda

Landwirt von anonymer Seite verunglimpft

Rheda

Wiedenbrück (eph) - Noch wiegen sich auf dem Getreidefeld zwischen Alleestraße und der Straße Am Voßkamp im Norden von Rheda die Gerstenhalme im Wind. Doch schon bald könnten dort Wohnhäuser in die Höhe schießen.

Auf dem größten Teil dieses Getreidefelds zwischen Alleestraße und der Straße Am Voßkamp will das Beckumer Unternehmen Olfert demnächst Wohnhäuser errichten. Andreas Baum plant am Rande des Felds den Bau eines neuen Bullenstalls. Foto:

Das findet Andreas Baum, dessen Familie hier seit dem 17. Jahrhundert ansässig ist und diesen Boden seit 60 Jahren beackert, nicht gut. Er selbst plant am Rand des Felds den Bau eines neuen Bullenstalls. Gegen dieses Vorhaben wird aktuell hinter seinem Rücken mächtig Stimmung gemacht. 

Widerstand per Flugblatt im Umlauf

Was niemand sieht und wohl kaum jemand weiß: Mitten durch die landwirtschaftlich genutzte Fläche verläuft eine Grundstücksgrenze. Der nördliche Teil befindet sich im Besitz der Familie Baum, die dort in siebter Generation ihren Bauernhof bewirtschaftet. Der südliche Teil war jahrzehntelang in Hand der Thyssenschen Handelsgesellschaft (Mülheim/Ruhr), Mutterkonzern des Simonswerks, und beherbergte bis 1960 eine Kleingartenkolonie. Nach deren Auflösung pachtete die Familie Baum die Fläche, um Futtergetreide für ihre Tiere anzubauen. 

Zum Bestand des 51-jährigen Nebenerwerbslandwirts zählen aktuell 23 Milchkühe und knapp 30 Mastbullen. Für Letztere plant Andreas Baum aus Gründen des Tierwohls den Bau eines neuen offenen Stalls. Den Antrag dafür hat er im November bei der Stadt eingereicht. Eine Freigabe für das Vorhaben liegt bislang nicht vor. „Man hat mir allerdings signalisiert, dass nach der Einreichung weiterer Unterlagen dem Bau nichts mehr im Wege steht“, sagt Baum, dessen 21-jähriger Sohn Jonas fest entschlossen ist, die Landwirtschaft nach seinem Vater weiterzubetreiben. Gegenwind spürt Baum seit einigen Tagen allerdings von anonymer Seite. In seiner Nachbarschaft kursiert ein Schreiben, das zum Widerstand gegen Baums Pläne aufruft und dabei falsche Zahlen in den Raum stellt. Die Rede ist von einem „offenen Kuhstall (für circa 70 Rinder) direkt gegenüber unserer Wohnhäusern“. 

Tatsächlich soll der Stall in gebührendem Abstand zur jetzigen Bebauung entstehen und auch nur 30 Tieren Platz bieten. Weiter schreibt der Verfasser: „Ich mache mir sehr große Sorgen bezüglich des Lärms und vor allem aber bezüglich der Geruchsbelästigung! Bitte lasst uns mit dem Bürgermeister gegen die Genehmigung für den offenen Kuhstall sprechen! Wenn jeder von uns ihn aufsucht, wird das Aufsehen erregen. Vielleicht können wir das aufhalten.“ Es folgen die Telefon-Durchwahlnummer und die E-Mail-Adresse von Theo Mettenborg. Am Ende heißt es: „Bitte lasst uns Aufsehen erregen und nicht gestatten, dass durch einen offenen Kuhstall unsere Wohn- und Lebensqualität durch die Geruchsbelästigung beeinträchtigt wird. Lasst uns bitte zusammenschließen. gez. Besorgter Nachbar.“

Kühe letztlich lieber als Klötze

Eine Anfrage, ob und wie viele Anlieger sich bereits bei der Stadt gemeldet haben, blieb seitens der Pressestelle im Rathaus bislang unbeantwortet. Gar nicht gut an kam das anonyme Schreiben bei einer Nachbarin von der Elsa Brandström-Straße, die ihren Namen nicht genannt wissen will. „So etwas tut man nicht. Das ist feige. Uns sind doch die Kühe lieber als irgendwelche Wohnblocks“, meint sie. In dieser Angelegenheit aktiv geworden ist mittlerweile die Fraktion von Bündnis90/Die Grünen im Stadtrat. In einer Anfrage an den Rat will auch sie von Verwaltungschef Theo Mettenborg unter anderem wissen, wie viele Bürger dem Aufruf des anonymen Schreibens gefolgt sind, ob Bauer Baum einen positiven Baubescheid erhalten wird und wie der Stand der Planung zu dem Wohngebiet ist. Das anonyme Schreiben stößt bei den Grünen auf scharfe Kritik. „Die Art und Weise so vorzugehen, finden wir nicht nur schäbig und verwerflich. Wir sehen diese Aktion als extreme Stimmungsmache und übles anonymes Aufhetzen gegen einen rechtschaffenden Landwirt“, sagt beispielsweise Alwin Wedler.

Nach Informationen dieser Zeitung hat die Beckumer Firma Olfert-Wohnbau die bislang von Bauer Baum gepachtete Fläche im Juni 2017 von der Thyssenschen Handelsgesellschaft erworben. Dabei handelt es sich laut Geschäftsführer Waldemar Schellenberg um ein 8000 Quadratmeter großes Grundstück. Eine „Siedlung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern mit bezahlbarem Wohnraum“ solle dort entstehen. Schellenberg: „Das Bauleitverfahren ist aktuell im Planungsausschuss Rheda-Wiedenbrück mit Unterstützung von Herrn Theo Mettenborg (Bürgermeister).“ 

Investor kündigt bezahlbaren Wohnraum an

Von dem anonymen Schreiben, versichert Schellenberg, habe er keine Kenntnis. Keine Informationen hatte Andreas Baum nach eigenen Angaben darüber, dass der Simonswerk-Mutterkonzern die von ihm gepachtete Fläche veräußern wollte. Aus dem geplanten Verkauf des Areals, versichert Geschäftsführer Michael Meier, habe man seinerzeit allerdings kein Geheimnis gemacht. „Die Häuser und Grundstücke in diesem Bereich hatten wir offen angeboten. Das war ein langer Prozess, der sich über 15 Jahre hingezogen hat.“ Nicht von der Stadt beantwortet ist die Frage, wie eine bislang landwirtschaftlich genutzte Fläche ohne Wissen des Bauern in Bauland umgewandelt werden kann und ob der Landwirt hier nicht ein

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