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Rheda-Wiedenbrück

Pflegesystem „krank und perfide“

Rheda-Wiedenbrück (eph) - Zufall oder nicht: Das Dauerthema Pflegenotstand wurde zu Wochenbeginn nicht nur auf nationaler, sondern auch auf lokaler Ebene lebhaft diskutiert. Zum wiederholten Mal hatte unlängst „Hart aber fair“-Fernsehmoderator Frank Plasberg das Thema in der ARD auf dem Schirm.

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In seiner Expertenrunde war auch ein Experte aus Rheda-Wiedenbrück mit dabei: Andreas Westerfellhaus, Staatssekretär und Pflegebeauftragter der Bundesregierung. An seinem Heimatort war es die SPD, die am selben Tag zweieinhalb Stunden vor der ARD-Sendung im Haus des Vereins Pro Arbeit am Sandberg öffentlich über das Thema diskutierte. „Applaus und jetzt? Was sich mit Corona in der Pflegebranche ändern muss“, lautete das Motto der Veranstaltung in den Räumlichkeiten des Bistros „EssBares“.

Fehlende Wertschätzung für Pflegekräfte

Eingeladen hatte die heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Elvan Korkmaz-Emre. Als Experten auf dem Podium begrüßte sie ihre Bundestagskollegin und ausgebildete Altenpflegerin Claudia Moll aus Aachen, Vorstandsmitglied Björn Nessler von der Diakonie Gütersloh, zugleich Sprecher der Freien Wohlfahrtsverbände im Kreis, sowie Pflegefachkraft Michaela Koroch, Vorsitzende des SPD-Stadtverbands.

Für Claudia Moll hat das Thema Pflege zwar in den vergangenen drei Jahren in der politischen Diskussion den Stellenwert erhalten, den es verdient. Dennoch vermisst die Bundespolitikerin „Verständnis für die Pflege und Wertschätzung für die Pflegekräfte“. Den in der Pflege Beschäftigten ginge es vorrangig nicht um mehr Geld, sondern um bessere Rahmenbedingungen bei ihrer Arbeit. Moll: „Wir müssen an den Personalschlüssel heran. Außerdem brauchen wir mehr tarifgebundene Arbeitsplätze.“ Ein Problem auf dem Weg dorthin ist für die Sozialdemokratin auch der geringe Organisationsgrad der Pflegekräfte. Zur Durchsetzung von Forderungen brauche es jedoch starke Gewerkschaften.

Hohes Berufsethos

Auch Björn Nessler hält die Berufsgruppe für „nicht besonders politisch“. Der Sozialmanager: „Pflegekräfte haben ein hohes Berufsethos und eine geringe Streikbereitschaft. Die wollen zuallererst für ihre Pflegepatienten und deren Angehörige da sein.“ Durch die Corona-Pandemie seien die Einrichtungen nur deshalb gut durchgekommen, weil alle rund um die Uhr gearbeitet hätten – auch um Verordnungen von einem auf den anderen Tag umzusetzen.

Unhaltbare Zustände

Als Beispiel für eine unhaltbare Situation nannte Björn Nessler den Personalschlüssel von einer Pflegekraft zu 51 Patienten bei Nachtdiensten. „Wer kann da noch in Ruhe sterben?“, fragte der Diakonie-Vorstand provokant in die Runde. Nesslers Resümee: „Wir haben es mit einem kranken, perfiden System zu tun, das auf dem Rücken aller Beteiligten ausgetragen wird.“

Persönliche Konsequenzen gezogen

Eine, die für sich persönlich die Konsequenzen aus der Misere gezogen hat, ist Michaela Koroch. Nach Jahrzehnten im Beruf hat sie ihren Dienst im Pflegebereich quittiert. Ein Grund für ihren Ausstieg sieht sie in der mangelnden Wertschätzung für ihren Beruf. Ein weiterer ist der immens gestiegene Verwaltungsaufwand mit seinen Dokumentationspflichten. Koroch: „Ich war mehr Bürofachkraft als Pflegerin.“

Mangel an sozialer Fürsorge

In die gleiche Kerbe schlägt eine Besucherin, selbst im Pflegedienst tätig, in der anschließenden Diskussionsrunde. „Für die Führungskräfte“, sagt sie, „ist die Dokumentation wichtiger als die Arbeit am Menschen.“ Eine andere Teilnehmerin beklagt ebenfalls den „Mangel an sozialer Fürsorge“ und führt dies darauf zurück, dass die Heime auf Effizienz getrimmt und die Heimleitungen von Betriebswirten beraten würden.

Komplettes System gehört auf den Prüfstand

„Wir dürfen allerdings unseren Beruf nicht schlecht reden“, warnt Claudia Moll am Ende. Doch das komplette System müsse geändert werden. „Und dabei“, sagt die noch immer mit ganzem Herzen an ihrem Beruf hängende Gesundheitspolitikerin in Richtung Publikum, „brauche ich Hilfe.“

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