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Hugo Heinemann brach 2005 sein Schweigen

Auschwitz-Überlebender 97-jährig gestorben

Rheda-Wiedenbrück

Lange konnte Hugo Heinemann nicht über das Leid sprechen, das er während der NS-Diktatur ertragen musste. Erst 2005 brach er sein Schweigen.

Nicht müde wurde Hugo Heinemann zeitlebens, Schulkassen über seine Erfahrungen im Arbeitslager Auschwitz III zu berichten. Zudem warb er für Verständigung und Versöhnung. 2013 wurde der Rhedaer von der SPD mit dem Dr.-Lüning-Preis ausgezeichnet (unser Foto). Jetzt ist er im Alter von 97 Jahren gestorben.

Er war einer der letzten Überlebenden der NS-Diktatur im Kreis Gütersloh. Jetzt ist Hugo Heinemann im Alter von 97 Jahren verstorben. Damit verstummt die Stimme eines Mahners, der selbst Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes war, für immer.

Gelitten unter einer menschenverachtenden Diktatur

Hass empfunden wegen des Leids, das ihm und seiner Familie während der menschenverachtenden Hitler-Diktatur zugefügt worden war, hat der Rhedaer nie. Stattdessen warb er für Versöhnung und Verständigung. Ein besonderes Anliegen war es ihm, jungen Leuten von den Gräueltaten der Nazis zu berichten – vor allem deshalb, um sie gegen rechtsextremistisches und antisemitisches Gedankengut immun zu machen. Dafür war Heinemann ab 2005 regelmäßig zu Gast in Schulklassen im gesamten Kreisgebiet. 2006 reiste er mit einer 22-köpfigen Schülergruppe sogar an den Ort, wo er im Zweiten Weltkrieg um sein Leben bangen musste: ins ehemalige Konzentrationslager Auschwitz.

Der nun Verstorbene erblickte am 10. September 1924 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines Vaters christlichen Glaubens in Dortmund das Licht der Welt. Seine Mutter Emma Stern stammte aus Rheda. Damit galt er in den Augen der Nazis als „Mischling ersten Grades“.

Misshandlungen, Hunger, Kälte und Krankheit

1943 erfolgte seine Deportation nach Auschwitz. Zu diesem Zeitpunkt hatten die NS-Schergen Heinemanns Mutter schon ermordet und seinen Bruder auf der Flucht erschossen. Der junge Mann mit Rhedaer Wurzeln musste im Arbeitslager Monowitz, auch bekannt als Auschwitz III, unter menschenunwürdigsten Bedingungen leben. Eingepfercht war er dort mit 300 Mithäftlingen. Erniedrigungen, Misshandlungen, Hunger, Kälte, Krankheit und Hinrichtungen bestimmten in den folgenden zwei Jahren seinen Alltag.

Hugo Heinemann hatte Glück. Er überlebte. Nicht nur die Zeit im Arbeitslager, sondern auch den kräftezehrenden Todesmarsch bis in die Oberpfalz ab Ende Januar 1945. Damals hatten die Nazis das Lager wegen der vorrückenden Roten Armee geräumt. 200 Inhaftierte mussten den beschwerlichen Fußmarsch antreten, nur 80 überlebten und wurden in der Pfalz von amerikanischen Truppen befreit – darunter Hugo Heinemann.

Erster Träger des Dr.-Lüning-Preises

Kurz darauf zog es ihn nach Rheda, wo seine Tante lebte. Heinemann gründete eine Familie, wurde Vater zweier Töchter. Er engagierte sich in der örtlichen SPD sowie im Betriebsrat seiner Arbeitgeberin, der damaligen Verlagsgemeinschaft Rheda.

Über das im Krieg Erlebte wollte er aus Angst um die Sicherheit seiner Familie lange Zeit nicht sprechen. Erst vor 17 Jahren brach er sein Schweigen. 2013 zeichnete die SPD Rheda-Wiedenbrück ihn mit dem Dr.-Lüning-Preis aus – in Anerkennung seiner Verdienste als „Mahner für den Frieden“, wie es seinerzeit in der Laudatio hieß.

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