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Wursthersteller widersprechen Vorwurf

Einsatz von Separatorenfleisch: Tönnies, Wiltmann und Co. wehren sich

Rheda-Wiedenbrück/Versmold/Rietberg

Es klingt wie ein neuer Fleischskandal – doch die Unternehmen widersprechen den Vorwürfen vehement und Experten streiten über die Aussagekraft von Untersuchungsmethoden.

Von Oliver Horst

Steckt in Geflügelwurst von Tönnies, Wiesenhof und Wiltmann (hier ein Symbolbild einer Wursttheke) Separatorenfleisch, ohne dass es gekennzeichnet wurde? Foto: dpa

Deutschlands größtem Fleischkonzern Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück, dem Versmolder Wurstwarenhersteller Wiltmann und dem Geflügelfleischspezialisten Wiesenhof (mit einem Standort in Rietberg) wird vorgeworfen, in Geflügelprodukten auch billiges, so genanntes Separatorenfleisch zu verarbeiten und dies nicht wie gesetzlich vorgeschrieben zu deklarieren. Die Firmen weisen die Behauptung zurück, sprechen von „sachlich falschen und haltlosen Vorwürfen“.

Bei Separatorenfleisch handelt es sich um maschinell von Knochen gelöste Fleischteile. Im Zuge dieses Vorgangs wird auch die Struktur der Muskelfasern verändert. Es fällt damit nicht mehr unter die lebensmittelrechtliche Definition von Muskelfleisch und muss gemäß der europäischen Lebensmittel-Informationsverordnung als solches entsprechend gekennzeichnet werden.

Bislang galt es als aufwendig und schwierig, verarbeitetes Separatorenfleisch im Produkt nachzuweisen. Professor Stefan Wittke, Leiter des Labors für Biotechnologie an der Hochschule Bremerhaven, und der pensionierte Lebensmittelkontrolleur Franz Voll haben aber eine neue Unterschungsmethode entwickelt. Sie beruhe auf einem für Separatorenfleisch typischem Protein.

Der NDR und das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ haben 30 Geflügelwurst- und Geflügelfleischproben verschiedener Hersteller zur Prüfung in Blindtests eingereicht. Neun davon seien positiv auf Separatorenfleisch getestet worden. Sie stammten aus dem Tönnies-Konzern mit der Marke Gutfried, von Wiltmann sowie Wiesenhof. Keines der Produkte enthalte auf der Verpackung einen Hinweis auf Separatorenfleisch, was bei dessen Einsatz vorgeschrieben ist.

Experten nehmen Stellung

Tönnies und Wiltmann bezeichnen die Vorwürfe in einer gemeinsamen Stellungnahme als „eindeutig falsch“. Sie beteuern, dass in keinem der Produkte Separatorenfleisch eingesetzt werde. „Im Gegenteil: Der Einsatz von Separatorenfleisch in den genannten Produkten ist durch die Definition der Rohwaren sowie den Produktionsablauf ausdrücklich ausgeschlossen.“

Und die Firmen kritisieren die Untersuchungsmethode. Sie liefere „keine gesicherten Erkenntnisse über den Einsatz von Separatorenfleisch“. Dazu verweisen Tönnies und Wiltmann auch auf zwei Sachverständige. So erklärt Dr. Marcus Langen, Fachtierarzt für Lebensmittel und Gegenprobensachverständiger für Lebensmittel: „Die Entwickler der neuen Labor-Methode haben Marker für Bindegewebe ausgewählt, die eben nicht nur in Bandscheiben, sondern auch in anderem Bindegewebe zu finden sind und sich deshalb auch in normalem Verarbeitungsfleisch für Geflügelfleischerzeugnissen finden.“ Es sei deshalb keine beweisende Methode für Separatorenfleisch.

Dr. Dieter Stanislawski, öffentlich bestellter Sachverständiger für Lebensmittelhygiene der IHK Hannover, vertritt die Auffassung, dass die Methode „nur maximal einen eingeschränkten Hinweis“ auf den Einsatz von Separatorenfleisch geben könne. „Es ist wahrscheinlich, dass Fleischwarenhersteller nicht sachgerecht bewertet werden und fälschlicher­weise der nicht deklarierten Verarbeitung von Separatorenfleisch beschuldigt werden.“

Matthias Wolfschmidt, Foodwatch

Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert indes einen Rückruf der Produkte, sollte sich der Verdacht bestätigen. Matthias Wolfschmidt sprach von „Betrug an den Verbraucherinnen und Verbrauchern“, sollte sich der Verdacht bestätigen: „Die Ware dürfte nicht verkauft werden.“

Und Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg sagt: „Wenn Fleischkonzerne Separatorenfleisch verwursten, ohne auf den Produkten darauf hinzuweisen, ist das Verbrauchertäuschung im großen Stil.“

Positiv bewertet Matthias Denker, Dezernatsleiter des Landesamts für Lebensmittelsicherheit in Mecklenburg-Vorpommern, das neue Prüfverfahren: „Es scheint für mich sehr zukunftsweisend zu sein.“

Über das Thema berichten die ARD-Sendung „Panorama“ (NDR) am Donnerstag, 23. Juni, um 21.45 Uhr im Ersten sowie die Dokureihe „45 Min: Geheimsache Wurst - was essen wir da?“ am Montag, 27. Juni, um 22 Uhr im NDR Fernsehen.

Anschließend sind die Sendungen in der ARD Mediathek zu sehen.

Die aktuelle Debatte erinnert an „Klebefleisch“-Vorwürfe bei Rohschinken im Jahr 2010. Auch damals ließ ein NDR-Magazin Proben untersuchen, auch damals ging es um eine fehlende Deklaration. Seinerzeit wehrte sich unter anderem die Versmolder Privatfleischerei Reinert gegen den Vorwurf,  „Formfleisch“ einzusetzen. Und der mit den Untersuchungen der Schinkenproben beauftragte Professor widerrief zumindest im Fall Reinert seine Verdachtsvermutung, nachdem er weitere Informationen auch zum Herstellungsprozess erhalten hatte. Auf Nachfrage des WESTFALEN-BLATTES erklärte er damals: „Ich hatte für den Bericht ohnehin eher dazu geraten, Reinert nicht zu nennen, weil ich in diesem Fall schon ein wenig Bauchgrimmen hatte.“

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