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Rheda-Wiedenbrück

Tönnies: Doppel-Demo vor den Werkstoren

Rheda-Wiedenbrück (sud) - Nach der Wiederaufnahme von Schlachtung und Zerlegung am Tönnies-Stammsitz in Rheda haben am Freitagnachmittag mehrere hundert Menschen vor den Werkstoren protestiert: Die einen für, die anderen gegen den Neustart bei Tönnies.

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Zu einer Konfrontation beider Lager kam es nicht. Mehrere Dutzend Einsatzkräfte der Polizei trennten die beiden Gruppen voneinander. Auf dem Fahrradweg vor dem Kundenparkplatz des Tönnies-Werksverkaufs machten etwa 300 Umwelt- und Tierschützer ihrem Unmut über die Wiederinbetriebnahme des Schlachthofs Luft. Einige hundert Meter weiter an der Werkszufahrt für Lastwagen hatten sich ebenso viele Landwirte zusammengefunden, um auf ihre Sicht der Dinge aufmerksam zu machen.

Markige Worte, symbolträchtige Bilder

An markigen Worten und symbolträchtigen Bildern fehlte es weder hüben noch drüben. Die Landwirte – viele von ihnen Schweinezüchter und Lieferanten von Tönnies – hatten an der in die Höhe gerichteten Schaufel eines Baggers zwei Strohpuppen mit Seilen befestigt. Die Figuren stellten ein Bauernpaar dar. Die Botschaft dahinter war unverkennbar: „Uns lässt man hängen“, sagte Demonstrationsorganisator Markus Blome aus Delbrück und meinte damit vor allem die bundesdeutsche Politik.

Bei den Tönnies-Gegnern auf der anderen Seite der Werkszufahrt sonnte sich ein selbst ernannter Fleischbaron im eigenen Glanz. In direkter Sichtweite der Hauptverwaltung, in der auch Konzernchef Clemens Tönnies sein Büro hat, wedelte der von einem Aktivisten gemimte Baron mit zu einem Fächer aufgereihten Hundert-Euro-Scheinen. Zu seinen Füßen ein Schwein – ebenfalls von einem Gruppenmitglied dargestellt –, das er mit einem Holzstock unter Kontrolle hielt.

Kein direkter Schlagabtausch

Zu einem direkten Austausch der Argumente beider Lager kam es am Freitagnachmittag vor den Werkstoren von Deutschlands größtem Fleischkonzern nicht. Die Polizei hielt die etwa gleichgroßen Gruppen getrennt, um auf Nummer Sicher zu gehen. Eine Sprecherin der Kreispolizeibehörde betonte aber zugleich, dass man weder bei den Landwirten, noch bei den Umweltschützern aggressive oder gar feindselige Tendenzen festgestellt habe. Zu einem ungeplanten Vorfall kam es während der Doppel-Demo kurz vor Ende dann allerdings doch: Die Aktivisten der Umwelt- und Tierschutzorganisationen blockierten mit einem Sitzstreik in Höhe der Tönnies-Arena für mehrere Minuten die Gütersloher Straße. Der Verkehr auf der Hauptverbindung zwischen Rheda und Kreisstadt kam komplett zum Erliegen. Einige Demonstranten mussten von Polizisten von der Fahrbahn getragen werden.

Vor allem Markus Blome und sein Lichtenauer Berufskollege Burkhard Berg, die den Bauernprotest gemeinsam angemeldet hatten, hätten sich eine Debatte mit den Tierschützern von Angesicht zu Angesicht gewünscht, denn: „Wir sehen uns völlig zu unrecht der öffentlichen Kritik ausgesetzt“, unterstrich Blome gegenüber dieser Zeitung. Von den Umweltaktivisten werde ein medialer Krieg geführt mit dem Ziel, das Ansehen der Landwirtschaft dauerhaft zu beschädigen.

Landwirte: „Augenmaß statt Brechstange“

Burkhard Berg wehrt sich gegen den Vorwurf der Umweltschützer, die Landwirtschaft sei nicht zu Änderungen bereit. „Jeder einzelne von uns stellt sehr wohl Tag für Tag seine Arbeitsweise auf den Prüfstand.“ Mit der Brechstange sollten diese Veränderungen aber nicht erfolgen, sondern mit Augenmaß.

Die Kritik an Tönnies kann Berg nicht nachvollziehen. Das in Rheda produzierte Fleisch genieße weltweit einen erstklassigen Ruf. In China achteten Verbraucher sogar darauf, ausschließlich Tönnies-Erzeugnisse zu kaufen.

Die Gegenseite sieht das naturgemäß vollkommen anders. „Die hoch technisierte Fleischproduktion steht für maximale Ausbeutung von Mensch und Tier“, sagte Thomas Eberhardt-Köster von der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Attac. Vor den Werkstoren von Tönnies forderte er deshalb lautstark durchs Megafon: „Die Fleischindustrie muss zerlegt werden.“

Umweltschützer: „Erde steht am Abgrund“

Oliver Groteheide vom Gütersloher Verein „Fair Leben“ betonte, dass es höchste Zeit zur Rettung des Planeten sei: „Unsere Erde steht am Abgrund.“ Jeder einzelne habe es in der Hand, das Wohl und Wehe der Welt nicht Großkonzernen wie Tönnies oder Amazon zu überlassen.

Die Landwirte auf der anderen Seite des Werksgeländes nicht als Feinde, sondern als Verbündete sahen Ellen Ackermann und Clara Schier von Protestplattform „Extinction Rebellion“. „Eigentlich sollten wir uns zusammentun und Seite an Seite für fairere Bedingungen in der Lebensmittelerzeugung kämpfen“, sagten sie.

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