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Rheda-Wiedenbrück

Verantwortung steht über frommem Wunsch

Rheda-Wiedenbrück (kvs) - Die Phase der Entspannung ist spürbar vorbei: Mit einem Inzidenzwert von 240 - Stand Donnerstag - wird Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh nur noch von Harsewinkel (282) übertroffen. Beim Pastoralverbund Reckenberg zieht man deshalb die Reißleine.

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Beim Pastoralverbund Reckenberg zieht man angesichts der hohen Inzidenzwerte die Reißleine. Auch innerhalb der Evangelischen Versöhnungskirchengemeinde werden vorerst keine Gottesdienste stattfinden. Das Foto zeigt die Vituskirche in St. Vit.

Auch innerhalb der Evangelischen Versöhnungskirchengemeinde werden vorerst keine Gottesdienste stattfinden. Nachdem Pfarrdechant Reinhard Edeler zunächst die Feiern zur Erstkommunion abgesagt hatte, ging er am Donnerstag einen Schritt weiter: Auch Gottesdienste finden bis zum 1. Mai nicht mehr statt. Mit dieser Entscheidung liegt er auf einer Linie zumindest mit der Versöhnungskirchengemeinde, die allerdings schon ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 grundsätzlich auf kirchliche Zusammenkünfte verzichtet.

„Man wird es uns danken“

Während die Politik an Grundlagen für bundeseinheitliche Regelungen arbeitet und nächtliche Ausgangssperren vorbereitet, ist man innerhalb des Pastoralverbunds unter Leitung von Edeler zu der Erkenntnis gelangt, dass die Dynamik der Pandemie das unbeschwerte Zelebrieren der Erstkommunion als Gruppen- und Familiengottesdienst vorläufig unmöglich macht – und auch nicht zu rechtfertigen wäre. „Ich habe stets für die Feiern plädiert, doch nun ist ein Punkt erreicht, an dem die Verantwortung über dem Wunsch steht“, sagt der Pfarrdechant – wohl wissend, dass es kaum bei der Zusammenkunft vor dem Altar bleiben würde. Schließlich wird ein solches Ereignis üblicherweise anschließend auch noch im familiären Kreis gewürdigt.

„Selbstverständlich weiß ich um logische Widersprüche und die Vielgestalt der Meinungen“, sagt Edeler, der dennoch um Verständnis bittet. Er ist überzeugt: „Nicht nur unmittelbar Betroffene, Ärzteschaft, Pflegende, das Gesundheitsamt, mit denen ich Rücksprache genommen habe, auch die Entscheidungsträger in der Politik und viele Menschen, die auf Größeres verzichten müssen, werden es uns danken.“

Eigenverantwortlich entscheiden

Grundsätzlich gilt: Kirchen und Religionsgemeinschaften sind in Nordrhein-Westfalen aufgefordert, eigenverantwortlich zu entscheiden, ob Gottesdienste und andere Versammlungen angesichts des Infektionsgeschehens als Präsenzereignisse stattfinden können. Verboten sind sie nicht. Allerdings müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Dazu zählen beispielsweise die Einhaltung des Mindestabstands von eineinhalb Metern, das Tragen medizinischer Masken auch am Sitzplatz, das Hinterlegen von Kontaktdaten zur Sicherstellung der Nachverfolgbarkeit, der Verzicht auf gemeinsamen Gesang und die Information der Behörden. Religionsgemeinschaften, die keine den Regelungen entsprechenden Schutzkonzepte vorgelegt haben, müssen ihre Zusammenkünfte bei mehr als zehn Teilnehmern beim Ordnungsamt vorab anzeigen.

18 statt drei Kommunionfeiern

Einen anderen Kurs als sein Wiedenbrücker Kollege fährt Thomas Hengstebeck, Leitender Pfarrer im Pastoralen Raum Rheda-Herzebrock-Clarholz. Innerhalb seines Wirkungskreises finden trotz der bisweilen ausufernden Inzidenzwerte weiterhin Gottesdienste statt. Auch Erstkommunionfeiern sind fest terminiert – und zwar 18 an der Zahl. Diese hohe Hausnummer ist dem Umstand geschuldet, dass die sonst üblichen drei Veranstaltungen in kleine Einheiten zerschlagen wurden, um dem Infektionsschutz Genüge zu tun. Alle Beteiligten seien darauf hingewiesen worden, nach den Gottesdiensten auf Herzen und Drücken auf dem Kirchplatz zu verzichten. „Rausgehen, Auto, Wiedersehen“, nennt Hengstebeck die ausgerufene Marschrichtung. Zugleich seien die Eltern daran erinnert worden, dass zuhause die „Zwei plus eins“-Regel gelte, sprich: Familienfeiern sind unangebracht.

Man habe durchaus über die Möglichkeit einer Verschiebung der Erstkommunion nachgedacht, erläutert Hengstebeck. „Jetzt allerdings abzusagen, hätte vernünftigerweise bedeutet, für das ganze Jahr abzusagen.“ Schließlich könne niemand wissen, wie sich beispielsweise die Situation im August darstelle, so der Geistliche.

Kapazitäten eingeschränkt

Überdies sind Hengstebeck zufolge die Kapazitäten in den Gotteshäusern ein weiteres Mal deutlich reduziert worden. Für die St.-Clemens-Kirche in Rheda bedeutet das konkret, dass nur noch 70 statt der bislang 100 Menschen Einlass gewährt wird. Und das in einem Gebäude, das schätzungsweise 750 Personen zu fassen vermag. „Gläubige können in jede Richtung so einen Abstand von zwei Metern zu anderen Besuchern einhalten.“ In Kombination mit Maskenpflicht, Teilnehmerliste und Gesangsverzicht will man so das Ansteckungsrisiko minimieren. Eine Testpflicht sei nicht umsetzbar, weiß Hengstebeck – durchaus erlaubt gewesen ist jedoch sein Hinweis, dass es zahlreiche Möglichkeiten zur Abstrichnahme gibt.

Keine Verstöße festgestellt

Gefährliches Gottvertrauen? Immer wieder gibt es Meldungen, wonach sich Menschen bei einer Zusammenkunft einer Glaubensgemeinschaft massenhaft mit dem Coronavirus infiziert haben. In Rheda-Wiedenbrück allerdings ist kein solcher Fall bekannt. Seitens der Stadtverwaltung gilt grundsätzlich der Appell der Landes- und der Bundesregierung, auf Zusammenkünfte wo immer möglich zu verzichten. „Dennoch sind bei geeigneten Räumlichkeiten Gottesdienste weiterhin möglich“, sagt Martin Pollklas, Pressesprecher im Rathaus. Je nach Religionsgemeinschaft gebe es dazu unterschiedliche Konzepte, die teilweise auf Ebene des jeweiligen Dachverbands mit der Staatskanzlei geregelt sind.

„Andere Gemeinden zeigen ihre Gottesdienste mit entsprechenden Auflagen und Beschränkungen beim Ordnungsamt an.“ Je nach Räumlichkeit und Art der Zusammenkunft könne das mit sehr unterschiedlichen Personenzahlen erfolgen. Das Ordnungsamt kontrolliere stichprobenartig die verschiedenen Veranstaltungsstätten. „Verstöße gegen Auflagen und Konzepte waren bisher in keinem Fall festzustellen“, so Pollklas weiter.

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