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Rheda-Wiedenbrück

Verschwörungstheorien erreichen Stadtrat

Rheda-Wiedenbrück (sud) - Die Stadtverwaltung hat eine Broschüre an die Ratsmitglieder weitergeleitet, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Veröffentlichung der Bundesregierung. Das 24-seitige Papier dürfte aber eher aus dem Dunstkreis von Verschwörungstheoretikern stammen.

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Die digitale Broschüre „Wie soll es weitergehen?“ hat die Stadtverwaltung über das Ratsinformationssystem an die gewählten Bürgervertreter weitergeleitet. Dass das 24-seitige Büchlein mit wilden Theorien zum Ursprung der Corona-Pandemie offenbar aus dem Dunstkreis rechter Verschwörungstheoretiker stammt, war im Rathaus nicht aufgefallen. „Sonst hätten wir es sofort aussortiert“, sagt Bürgermeister Theo Mettenborg. Foto:

Move-Ratsmitglied Detlef Nacke wies in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses am Montagabend auf das zweifelhafte Dokument hin, das er kürzlich in seinem E-Mail-Postfach fand. Seine Recherchen haben ergeben, dass die digitale Broschüre inzwischen „auf mindestens 100 Internetseiten von abstrusen, querdenkenden oder esoterischen Gruppen zu finden ist“. Unklar sei indes bis heute, wer genau der Verfasser des Dokuments ist, das sich unter dem Titel „Wie soll es weitergehen?“ mit vermeintlichen Auswirkungen der Coronakrise beschäftigt.

„Mit offenen Karten spielen“

Der in der Broschüre genannte Autor Sebastian Friebel bezeichne sich selbst als ehemaliger parlamentarischer Berater des Deutschen Bundestags, erklärt Nacke. Friebel sei jedoch früher Berufssoldat gewesen und inzwischen Berater der AfD-Bundestagsfraktion, hat der Rheda-Wiedenbrücker Ratsherr herausgefunden. Einen Bundestagsausweis habe der Mann nie besessen. „Hier spricht also nicht ein Bürger in aufrechter Sorge, sondern ein ultrareaktionärer AfD-Ideologe“, sagt Nacke. Vor allem diese Vorspiegelung falscher Tatsachen ist es, die den Move-Vertreter wurmt: „Die Verfasser des Papiers sollten zumindest mit offenen Karten spielen und um ihre Identität kein Geheimnis machen.“

Dass die Broschüre wegen ihrer grafischen Gestaltung leicht mit einer offiziellen Information der Bundesregierung verwechselt werden könne, sei beabsichtigt, vermutet Nacke – und der erhoffte Erfolg sei für die ominösen Verfasser („Wir wissen nach wie vor nicht, mit wem genau wir es zu tun haben“) auch in Rheda-Wiedenbrück nicht ausgeblieben. Schließlich habe die Broschüre über das Ratsinformationssystem den Weg zu den 52 gewählten Mandatsträgern gefunden.

„Schreiben ist uns durchgegangen“

Bürgermeister Theo Mettenborg (CDU) bedauerte in einer ersten Stellungnahme, „dass uns das Schreiben trotz größter Sorgfalt offenbar durchgegangen ist“. Er verwies auf die enorme Zahl ähnlicher Veröffentlichungen, die die Verwaltung aussortiere und nicht weiterleite, „weil sie schrägen Köpfen zuzurechnen sind“.

In der umstrittenen Broschüre ist unter anderem von einer geplanten Neuordnung der Weltwirtschaft die Rede, die unter dem Vorwand der Corona-Pandemie quasi durch die Hintertür erfolgen solle. Industrienationen wie Deutschland seien die Leidtragenden. Zudem nutzten die Regierungen die Angst der Menschen vor dem Virus aus, um ein Netz weitreichender digitaler Überwachungsmechanismen zu installieren.

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