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Rheda-Wiedenbrück

„Wer diskriminiert wird, ist hilflos“

Rheda-Wiedenbrück (sud) - Mal ist es ein dummer Spruch, mal aber offen ausgelebte Aggression: Auch in Rheda-Wiedenbrück werden Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer sexuellen Orientierung diffamiert. Der Integrationsrat will dieser Entwicklung Einhalt gebieten.

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Anders sein ist ganz normal: Das sieht leider nicht jeder so. Die Zahl der Diskriminierungen nimmt zu, auch in Rheda-Wiedenbrück. Der Integrationsrat fordert deshalb die zeitnahe Einrichtung einer Anlaufstelle, an die sich Betroffene unentgeltlich wenden können. Foto:

Er fordert die Einrichtung einer Antidiskriminierungsstelle. Für den Vorstoß der Listenverbindung „Vereinte Vielfalt“ fand sich in der Sitzung des Gremiums am Donnerstagabend mit elf Jastimmen bei vier Enthaltungen eine deutliche Mehrheit. Weil der Integrationsrat jedoch nur beratende Funktion hat, muss der Stadtrat noch zustimmen. Die Chancen stehen indes gut, dass die noch zu besetzende Antidiskriminierungsstelle bereits im Haushaltsplan für 2021, der kommende Woche verabschiedet werden soll, berücksichtigt wird.

In Rheda-Wiedenbrück lebten viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte

Denkbar sei die Aufnahme eines Platzhalters im städtischen Stellenplan, erklärte Erster Beigeordneter Dr. Georg Robra. Damit verbunden wäre die Reservierung von Finanzmitteln für Personal- und Sachkosten. Diese könnten abgerufen werden, sobald der Antidiskriminierungsbeauftragte – bestenfalls schon in wenigen Monaten – seinen Dienst aufnimmt. Dass Diskriminierung in der Doppelstadt – leider – an der Tagesordnung ist, belegte eine Umfrage, deren Ergebnisse die Integrationsratsmitglieder Imam Alammarin und Nesrin Pür am Donnerstagabend vorstellten. Demnach gab ein Großteil der Befragten an, bereits Opfer von Diskriminierung geworden zu sein. Hilfe in Anspruch genommen, um sich dagegen zu wehren, hätten indes die wenigsten. Dabei sei Unterstützung wichtig, unterstrich Imam Alammarin, denn: „Wer diskriminiert wird, ist oft hilflos.“

In Rheda-Wiedenbrück lebten viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Die Vorhaltung einer Beratungsstelle mache daher Sinn. Doch auch für Menschen, die beispielsweise wegen ihrer Religionszugehörigkeit, ihres Alters, ihrer Weltanschauung, ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität vorgeführt, beleidigt oder gar bedroht würden, solle die geforderte Antidiskriminierungsstelle ein Anker sein und Halt geben. In anderen OWL-Städten gibt es solche Anlaufstellen bereits, etwa in Höxter, Herford, Bielefeld und Gütersloh. Sophie Brzezinski, die im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt Menschen mit Diskriminierungserfahrungen berät, verwies darauf, dass das Netzwerk an Hilfsangeboten in der Region bislang eher dürftig sei. Dabei sei die Betreuung zeitintensiv. Mit einem Termin sei es selten getan. Oft begleiteten die Berater ihrer Klienten auch vor Gericht, wenn es zu einer Verhandlung komme. „Dieser seelische Beistand ist vielen wichtig.“

„Es muss dringend etwas passieren“

Die Notwendigkeit der Einrichtung einer Antidiskriminierungsstelle sieht auch die Politik. „Es muss dringend etwas passieren“, sagte Hans-Hermann Heller-Jordan (Bündnis 90/Die Grünen), denn: „Diskriminierung und Ungleichbehandlung sind auch bei uns in Rheda-Wiedenbrück gesellschaftliche Realität.“ Er erinnerte daran, dass sich die Stadt im Jahr 2013 ein Leitbild für Offenheit, Toleranz und Zivilcourage gegeben habe. „Doch das allein reicht offenbar nicht aus.“ Gudrun Bauer (Move) wies darauf hin, dass Diskriminierung oft im Kleinen erfolge. „Es muss längst nicht immer ein explosionsartiges Ereignis sein, oft ist die im Alltag praktizierte Diskriminierung für die Betroffenen mindestens genauso zermürbend.“ Die Einrichtung einer Beratungsstelle begrüßte auch Anja Kern (SPD). Ihr ist es wichtig, dass das Angebot nicht auf wenige Jahre begrenzt wird, „sondern eine dauerhafte Einrichtung wird“.

Integrationsratsmitglied Bianca Weber betonte, dass die Anlaufstelle eine Beratung der Betroffenen in ihrer jeweiligen Muttersprache gewährleisten müsse. „Die Diskriminierung hat in den vergangenen zehn Jahren spürbar zugenommen“, sagte Uwe Henkenjohann (CDU). Die Doppelstadt bilde da keine Ausnahme. Klar sei, dass ein Hilfsangebot nur mit entsprechendem Personal vorgehalten werden könne. Deshalb sei es richtig, in den kommenden Monaten die Frage des Stellenumfangs (halbe, dreiviertel oder volle Wochenstundenzahl) sowie die Aufgabenausgestaltung festzulegen. Trotz aller Euphorie müsse man realistisch bleiben. „Wenn die Rheda-Wiedenbrücker Antidiskriminierungsstelle im Herbst an den Start gehen könnte, wäre das nicht nur wünschenswert, sondern auch schnell.“ Einig waren sich die Integrationsratmitglieder darin, in der Angelegenheit nicht unnötig Zeit verlieren zu wollen. Die weiteren erforderlichen Beratungen im Sozialausschuss sowie im Stadtrat sollten zügig vonstattengehen. Trotzdem dürfe die Erarbeitung eines tragfähigen Konzept nicht übers Knie gebrochen werden.

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