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Wirtin kehrt Fuchshöhle den Rücken

Rheda

Wiedenbrück (sud) - Elf Jahre lang hat Rebecca Semmler die Fuchshöhle geführt. Dann kam Corona. Jetzt hat sie sich schweren Herzens dazu entschieden, in Wiedenbrücks bekannter Kneipe künftig kein Pils und auch keinen Pillkaller mit Leberwurst mehr zu servieren.

In der Wiedenbrücker Fuchshöhle gehen die Lichter aus – zumindest vorerst. Rebecca Semmler sagt adieu. Ihren Namen hat die Traditionsgaststätte übrigens von dem 1906 verstorbenen früheren Wirt Hermann Goldkuhle. Der hatte rotes Haar und wurde deshalb von den Gästen „Fuchs“ genannt. Foto:

Die 34-jährige Wirtin betont, dass die Corona-Pandemie nicht der Grund, sondern allenfalls der Auslöser für ihre Entscheidung war. „Wenn die Gastwirtschaft über Monate geschlossen bleiben muss, hat man viel Zeit zum Nachdenken“, sagt Rebecca Semmler. „Ohne den Alltagsstress im Nacken bewertet man manche Dinge plötzlich anders, sieht für sich persönlich klarer.“

Zeit genossen

Die Mutter zweier Kinder (fast acht und zehn Jahre alt) genoss es, während der Zwangsschließung mehr Zeit für ihren Nachwuchs zu haben. „Ich habe gemerkt, dass es schön ist, wenn wir uns nach dem Abendbrot noch ganz in Ruhe unterhalten oder gemeinsam etwas spielen oder lesen können“, sagt die langjährige Fuchshöhlen-Pächterin. Das alles sei während des laufenden Gaststättenbetriebs nahezu unvorstellbar gewesen. 

Die wirtschaftliche Komponente kam hinzu. „Denn ein verschlossener Zapfhahn und hochgestellte Stühle bedeuten zwangsläufig immense Einnahmeausfälle“, berichtet Rebecca Semmler. „Die Kosten laufen aber trotzdem weiter.“ Sie habe für sich entschieden, das finanzielle Risiko, das die Selbstständigkeit in der Gastronomiebranche mit sich bringt, nicht weiter tragen zu wollen. Denn die Pandemie habe gezeigt, dass es auch äußere Umstände sein können, „für die man selber nichts kann“, die die Einnahmen-und-Kosten-Relation im Handumdrehen aus dem Ruder laufen lassen. 

Schlüsselerlebnis an der Theke

Ein Schlüsselerlebnis hatte Rebecca Semmler an einem der letzten Öffnungstage vor dem ersten Corona-Lockdown im März vergangenen Jahres. Im Licht der drohenden Zwangsschließung kam sie mit einem Gast an der Theke ins Gespräch. Der bot ihr an, für die Dauer des Lockdowns in seinem Pflegedienst als Hauswirtschaftskraft zu arbeiten, um die einnahmenlose Zeit überbrücken zu können. „Da habe ich nicht lange gezögert und sofort ja gesagt“, erinnert sich die Wiedenbrückerin. Beim zweiten bundesweiten Lockdown ab November galt das großzügige Angebot des Gastes weiterhin. Seitdem arbeitet Rebecca Semmler nach Abschluss einer Zusatzqualifikation als Pflegemitarbeiterin. Sie fährt von Haus zu Haus, kümmert sich um alte und kranke Menschen.

Aus Kunden werden Freunde

Deutliche Parallelen sieht Rebecca Semmler zwischen ihrer bisherigen Arbeit als Gastwirtin und der Pflege bedürftiger Menschen. „In beiden Fällen wird man oft von großen Augen erwartungsvoll angestrahlt – in der Hoffnung auf ein nettes Gespräch oder auch auf einer Schulter, an der man sich seine düsteren Gedanken von der Seele reden kann“, sagt die 34-Jährige. Gerade diese zwischenmenschlichen Kontakte sind es, die Rebecca Semmler mit ihrer nun zu Ende gegangenen Zeit in der Fuchshöhle verbindet. „Das sind schöne Erinnerungen, die einem niemand nehmen kann“, sagt sie. Aus vielen (Stamm-)Kunden seien über die Jahre gute Bekannte oder sogar Freunde geworden. Rebecca Semmler ist sich sicher: „Wenn man das als Gastwirt erreicht, hat man hinter der Theke so viel nicht falsch gemacht.“

Wohltuende Reaktionen

Mit einem Aushang vor der Gastwirtschaft weist Rebecca Semmler auf ihren bereits besiegelten Abschied von der Fuchshöhle hin. Die Nachricht vom Aus verbreitete sich am Wochenanfang in der Stadt wie ein Lauffeuer. 

„Gäste haben bei mir angerufen oder mir per WhatsApp geschrieben und konnten es erst gar nicht fassen“, berichtet die gelernte Hotelfachfrau, die ihre Ausbildung einst im Wiedenbrücker Ratskeller absolviert hat, von den ersten Reaktionen. Zugleich sei das Verständnis für die in den zurückliegenden Monaten gereifte Entscheidung aber groß gewesen. „Das hat mir ungeheuer gutgetan.“ 

„Wirklich traurig“

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nimmt Rebecca Semmler als Wirtin Abschied von einer der ältesten Kneipen der Stadt. „Ich bin wirklich traurig, aber ich freue mich auch auf den neuen Lebensabschnitt, der jetzt vor mir und meiner Familie liegt“, sagt sie. Ihr Dank gilt in diesem Zusammenhang den Eigentümern der Fuchshöhle, Josef und Elisabeth Beckschäfer. „Sie haben vor mehr als zehn Jahren großes Vertrauen in mich gesetzt, als sie mir ihre traditionsreiche Kneipe verpachtet haben“, sagt Rebecca Semmler. „Ich war damals ja noch blutjung, gerade erst 23.“ Für ihren Entschluss, nicht weitermachen zu wollen, habe das Pächerehepaar großes Verständnis aufgebracht, sagt die zweifache Mutter. „Das rechne ich ihnen hoch an.“ Die Beckschäfers hielten nun nach einem neuen Wirt Ausschau. 

Stiller Abschied

Wenn es zwei Dinge gibt, die Rebecca Semmler bedauert, dann diese: „Das Zehnjährige hätten wir 2020 schon gerne groß gefeiert. Aber dann durchkreuzte die Viruspandemie das Vorhaben.“ Und noch etwas hätte Rebecca Semmler vor ihrem Rückzug als Wirtin gerne noch einmal gemacht: Pillkaller ausgeschenkt. Standesgemäß mit Senf und Leberwurst als Beilage, wie das im ostpreußischen Herkunftsort des auch in Wiedenbrück gerne getrunkenen Doppelkorns üblich ist, denn: „Korn, Wurst und Senf ist schließlich die einzige Dreiecksbeziehung, die ohne Reibungsverluste funktioniert“, sagt Rebecca Semmler und denkt zurück an viele unvergessliche Momente, die sie auf ewig mit „ihrer“ Fuchshöhle verbinden wird.

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