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Rietberg

Corona bremst die Feierlaune aus

Rietberg (dali) - Als die Mitglieder einer Musical-AG der damaligen Rietberger Realschule den Wunsch äußerten, nach ihrem Schulabgang trotzdem weiter auf der Bühne stehen zu dürfen, ahnte Paul-Leo Leenen noch nicht, was für eine grandiose Erfolgsgeschichte sich daraus entwickeln sollte.

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Als die Mitglieder einer Musical-AG der damaligen Rietberger Realschule den Wunsch äußerten, nach ihrem Schulabgang trotzdem weiter auf der Bühne stehen zu dürfen, ahnte Paul-Leo Leenen noch nicht, was für eine grandiose Erfolgsgeschichte sich daraus entwickeln sollte. Im Jahr 2011 führten die jungen Schauspieler das Musical „Aida“ auf. Foto:

Zehn Jahre ist es nun her, dass der damalige Musiklehrer die Jugend-Musical-Bühne gründete und damit punktgenau den Nerv der jungen Leute traf. „Man sieht, wie alles herangewachsen und professioneller geworden ist“, staunt der 74-Jährige nicht schlecht, wenn er die Anfänge mit der modernen Technik und der Arbeitsweise von heute vergleicht. „Zehn Jahre sind für Jugendliche sehr viel Zeit. Man könnte sagen, es sind zwei Generationen.“ Doch ausgerechnet zum zehnjährigen Bestehen macht das Coronavirus dem Verein einen dicken Strich durch die Rechnung. Die geplante Aufführung von „Sound of Music“ musste erst in den Mai dieses Jahres verlegt werden, ehe auch diese Pläne platzten.

„Sind professioneller geworden“

Inzwischen soll das Stück im Dezember auf die Bühne gebracht werden – wenn alles gut läuft. „Der Lockdown hat den Kindern ganz schön geschadet“, klagt Leenen. Das regelmäßige Training fehle, dadurch sei auch die Kraft in der Stimme abhanden gekommen. „Die Technik beim Singen geht verloren“, erklärt der Vereinsvorsitzende, der auch für die musikalische Ausbildung zuständig ist. Es habe Kinder gegeben, die vor Freude geweint hätten, als sie die Nachricht bekamen, dass die Proben wieder losgehen. Im Zuge der Lockerungen sollen in dieser Woche auch die Tanzproben wieder in der Sporthalle stattfinden. Von Normalität sind die jungen Schauspieler aber noch meilenweit entfernt.

Früher hätten sie mit drei bis vier Darstellern in einer Gruppe arbeiten können, erinnert sich Leenen. „Jetzt ist eine Stimmbildung nur mit einer Person möglich.“ Das sei zwar gut für die Kinder, treibe aber auch die Kosten in die Höhe. Der Regisseur muss nun fast wieder ganz von vorne anfangen. Und dass aus rein natürlichen Gründen. Die sieben Hauptdarsteller sollten in einer Szene der Größe nach sortiert in einer Reihe stehen. „Einer von ihnen ist aber so gewachsen, dass es nicht mehr passt“, seufzt Leenen. Einige männliche Darsteller haben zudem damit zu kämpfen, dass sie in den Stimmbruch gekommen sind. „Es wird nicht einfach, das alles wieder anzustoßen“, ahnt der 74-Jährige.

Junge Schauspieler entdecken ihr Talent

Das Kernstück der Jugend-Musical-Bühne ist immer die musikalische Ausbildung der jungen Schauspieler gewesen. Manches Mal entdecken die Kinder und Jugendlichen aber plötzlich neue Stärken, die zuvor verborgen waren. Ein Elternpaar habe während einer Aufführung gemurmelt, dass der Sohnemann „gleich doch wohl nicht singen werde“ – er tat es. „Und das gar nicht schlecht“, erinnert sich Paul-Leo Leenen. Ein anderes Mal habe er eine völlig aufgelöste Mutter in der Pause an ihrem Platz angetroffen. „Sie hat vor Rührung geweint“, sagt Leenen.

Er hat auch noch das Mädchen vor Augen, das erst schüchtern in der Tür um Teilnahme bat, um dann Monate später die Augen des Publikums mal leuchten und mal weinen zu lassen. Gemeinsam mit Eva Gnädig und Katharina Mertens schwelgt der Vereinsgründer in Erinnerungen. Unvergessen die 58 Sekunden, die die Bühnencrew bei „Sound of Music“ 2012 als Limit für einen Kostümwechsel einhalten musste. Man habe ganz schön geschwitzt, gibt Leenen zu. „Aber wir haben es geschafft.“ Die beiden Frauen standen selbst auf der Bühne. Doch jetzt, als junge Mütter, sind sie in die Vorstandsarbeit gewechselt und engagieren sich vorrangig bei der Wahl der Kostüme. „Wenn eine Aufführung stattfindet, bin ich traurig, dass ich nicht mehr auf der Bühne stehe“, gibt Eva Gnädig zu. Die 26-Jährige gewann einst mit dem Papageno einen international renommierten Jugendtheaterpreis für schauspielerische Leistungen.

„Es Kribbelt immer noch in den Fingern“

„Dann weiß ich aber, dass ich es nicht mehr schaffe, drei bis vier Mal in der Woche zu proben.“ Ähnlich sieht es Katharina Mertens. Der 34-Jährigen „kribbelt es aber immer noch in den Fingern“, wenn sie in der Cultura sitzt. Andere Darsteller haben die Jugend-Musical-Bühne als Startbrett für eine Karriere genutzt. Wie Denis Riffel, der an der Berliner Akademie der Künste studierte und jetzt ein Engagement beim Theater des Westens in der Hauptstadt hat. Mit einem Trick kitzelte Leenen das Optimum aus ihm heraus: „Er hat eine unwahrscheinliche Klangfarbe in seiner Stimme. Er dachte aber, dass das hohe A sein Grenzton ist, dabei konnte er noch viel höher singen. Also habe ich das Klavier umgestellt und ihn so dazu gebracht, darüber hinaus zu gehen.“

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