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Kommunalwahl: Britta Rusch (54) ist Bürgermeisterkandidatin der CSB

„Diskutieren ist immer etwas Positives“

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Britta Rusch (54) ist in einem politischen Haushalt groß geworden. „Mein Vater war als Unternehmer eher ein CDU- oder FDP-Mann. Ich und meine beiden jüngeren Geschwister haben sehr gern provoziert und gegen unsere Eltern rebelliert. Diskussion war bei uns immer etwas Positives.“ Deshalb sei sie froh, dass das Jugendparlament zurzeit politisch sei. „Jugendliche dürfen und sollen laut sein, sie dürfen auch mal danebengreifen“, sagt die Bürgermeisterkandidatin der Christlich-Sozialen Bürgergemeinschaft.

Monika Schönfeld

Britta Rusch ist die Bürgermeisterkandidatin der Christlich-Sozialen Bürgergemeinschaft (CSB). Das Logo des Vereins ist ein Wal auf den fünf Wellen des Stadtlogos, eine Anspielung darauf, dass der Bürger die Wahl hat. Foto: Monika Schönfeld

Politisch, kritisch und laut

„Wir durften in der Schule politisch, kritisch und laut sein. Dazu wurden wir animiert. Ich habe den Eindruck, heute versucht man in der Schule, die Kinder so ruhig wie möglich zu halten. Sie dürfen keine Plakate aufhängen, keine Themen voran bringen. Das führt dazu, dass Kinder die Schule nicht als Ort der kritischen Diskussion sehen.“ Sie meint, dass die Jugend, die sich heute im Jugendparlament organisiere, sehr Grünen-freundlich sei. „Das ist auch okay.“ Wenn sie könnte und die Zeit dafür hätte, sagt Britta Rusch, würde sie sich mehr in die Bildungspolitik einbringen.

Geärgert über die Aula-Diskussion

In der Christlich-Sozialen Bürgermeinschaft sei sie gelandet, weil sie sauer war. „2008 gab es die Diskussion um eine Aula für das Gymnasium. Das hat mich geärgert. Horst Geller, ein FDP-Mann, der mit meinem Vater im Männerchor sang, hat mich angesprochen, ich solle doch mal in die politischen Sitzungen kommen, wo das Thema beraten wird. Erst dachte ich, da habe ich doch nichts zu suchen, davon verstehe ich doch nichts. Diese Sitzung hat mich aber angefixt. Ich dachte nur: Das kann doch nicht wahr sein, wie die hier diskutieren.“ Nach ihrer eigenen Erfahrung meint sie, jeder Bürger sollte sich mindestens zwei Mal im Jahr in solch eine Sitzung setzen. Britta Rusch hat es getan, sie hat sich als Zuhörer in jede Sitzung gesetzt – ob es um die Aula ging oder nicht. „Ich wollte wissen, was da abgeht.“ Allerdings gibt sie zu, dass das nur ging, weil ihre Töchter aus dem Gröbsten raus waren. „Die Sitzungen beginnen um 18 Uhr, das ist Kinderzeit in der Familie.“

Dass sie immer im Zuschauerraum saß, ist natürlich allen Politikern aufgefallen. „Bis auf eine Partei haben mich alle angesprochen, ob ich nicht aktiv mitarbeiten will, anstatt nur auf der Zuschauerbank zu sitzen. Peu à peu bekommt man ein Gefühl dafür.“ Eine Partei, so stellte sie für sich fest, kommt für sie nicht infrage. „So eine offene Geschichte wie die in einer Bürgergemeinschaft, konnte ich mir vorstellen. Und jetzt brenne ich dafür. Das ist wirklich so.“

Britta Rusch

Zwischen 2009 und 2019 hat Britta Rusch nur drei Sitzungen verpasst. „Auch wenn ich nicht Mitglied im Ausschuss bin, sitze ich immer im Zuschauerraum. Wenn ich was mache, dann ganz oder gar nicht. Ich will es genau wissen. Das ist eine Mentalitätssache.“

Diese Einstellung hätte sie beinahe überlastet. „Ende 2019 habe ich fast alles allein gemacht. Dann habe ich für mich entschieden: Das ist zu viel. Wir machen noch einen Aufruf, dass wir Leute suchen, die mitmachen, oder lassen es ganz bleiben. Jetzt lerne ich das Abgeben. Das ist für mich eine Errungenschaft. Mit dieser Mannschaft kann ich das machen, es macht richtig Spaß.“

Offen mit der Not umgegangen

„Wir sind Anfang des Jahres offen mit der Not umgegangen und haben einen Aufruf gestartet: Wenn ihr wollt, dass es weiter unabhängige Politik in der Stadt gibt, dann müsst ihr euch aufmachen.“ Dieser Aufruf hat gewirkt. Allen, die sie angesprochen haben, habe sie gesagt, sie sollten zur Ehrenamtsmesse Ende Februar kommen. Die Resonanz sei überwältigend gewesen. „Das war am Samstag. Ich sagte allen, sie sollen am Mittwoch zur Fraktionssitzung kommen. Und die haben das gemacht.“ Die große Runde sei bis auf Ausnahmen dabei geblieben. „Ich war mir nicht sicher, ob das so bleibt. Aber ich musste durchstarten mit diesem neuen Team.“

Kontakt über E-Mail und Telefon

Ehrenamtsmesse, Fraktionssitzung – und eine Woche später der Lockdown. „Ich habe mich immer wieder gefragt, ob die Neuen dabeibleiben, wenn man sich gar nicht treffen kann. Über E-Mail und Telefon habe ich alle mit Informationen versorgt. Das war eine Wahnsinnsarbeit. Jetzt bin ich happy, dass wir es geschafft haben. Sie wollen, sie sind motiviert.“ Jeder komme mit Ideen. Und sie sollen dafür nach der Wahl als Ratsmitglieder oder als sachkundige Bürger in den Sitzungen auch selbst dafür kämpfen.

Erste Frau als Bewerberin

Dass sie die erste und einzige Frau ist, die in der Geschichte Schloß Holte-Stukenbrocks für das Amt des Bürgermeisters antritt, sei ihr erst so richtig bei den Besuchen an der Haustür aufgefallen. „Echt irre. Ich bin aber nicht als Frau zur Bürgermeisterwahl angetreten, sondern als unabhängiges Fraktionsmitglied. Ich finde, es ist gut, wenn das Stadtoberhaupt unabhängig ist, das Dinge aufnimmt und prüft, ob sie zu verwirklichen sind. Ein CDU-Bürgermeister macht die Lage einseitig. Im Kommunalen können wir unabhängig arbeiten.“

Allerdings sei es für Frauen schwerer, für solch ein Amt anzutreten. Der Bürgermeister sei oft abends und fast jedes Wochenende im Dienst. Wenn einem nicht jemand die Sorge um kleine Kinder abnehme, gehe das nicht. „Da sind wir in der Entwicklung der Gesellschaft noch nicht weit genug.“ Corona habe gezeigt, wo die Gesellschaft tatsächlich stehe. „Die Frau kümmert sich darum, dass die Kinder zu Hause betreut und unterrichtet werden. Das ist Hardcore.“

Außer der CSB haben nur Bündnis 90/Die Grünen eine Frau auf dem Spitzenplatz der Reserveliste. „Wir haben drei Frauen auf den ersten vier Plätzen, vier Frauen auf den ersten sechs Plätzen.“ Wie das kommt, darüber kann Britta Rusch nur spekulieren. „Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin und sie fühlen sich auf Augenhöhe. Vielleicht lassen sich Frauen auch ungern in eine Schublade stecken. Da wir für Kind uns Kegel zuständig sind, müssen wir bunt und quer denken.“

Ohne Überbau für alles selbst verantwortlich

Ist die CSB ohne Wahlprogramm planlos? „Natürlich nicht. Ziele gibt es immer, nicht nur zur Wahl. Sie werden aber ständig überarbeitet, überprüft und erneuert. Die CSB ist keinem außer der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock und keiner übergeordneten Partei verantwortlich.“ Dass sich die anderen Parteien auch gern als unabhängig bezeichnen, hält Britta Rusch für Augenwischerei. „Wenn Parteien das sagen, nehmen sie ihre Wähler nicht ernst. Die wählen bewusst konservativ, sozialdemokratisch, liberal oder grün. Wir sind das eben nicht und deshalb unabhängig. Wir haben die Unabhängigkeit gepachtet.“

Zur Person

Britta Rusch ist 1966 in Flensburg geboren. Eingeschult wurde sie an der Michaelschule Liemke – kurioserweise mit ihrem jetzigen Lebenspartner Jürgen Schnatmann, mit dem sie seit 18 Jahren zusammenlebt.

Die Familie Rusch ist öfter umgezogen, so hat Britta Rusch auch die Grundschule Stukenbrock, die Elbracht- und die Grauthoffschule besucht. Nach dem Abitur am Gymnasium Oerlinghausen hat sie die Höhere Handelsschule besucht, eine Banklehre gemacht und ein Jahr als Au-pair in den USA gearbeitet.

Die Dresdner Bank Bielefeld suchte jemandem, der mit der englischsprachigen Kundschaft arbeitet. So hat Britta Rusch die Bankkunden betreut, die Nato-Angehörige waren – in Detmold, in Darmstadt und in Heinsberg. „Das passte gut, mein Mann hat damals in Darmstadt gearbeitet.“

Zurück in Schloß Holte-Stukenbrock hat die Englischlehrerin ihrer beiden Töchter (heute 23 und 24 Jahre alt) sie angesprochen, ob sie nicht in einem Franchise-Unternehmen als freiberufliche Englischlehrerin arbeiten will. Britta Rusch machte die entsprechende Ausbildung und arbeitete seit 2004 selbstständig. Seit kurzem aber nicht mehr als Franchisenehmerin.

Neben Familie und Beruf ist sie Fan des Handball-Bundesligisten TBV Lemgo-Lippe. „Ich bin Mitbegründerin der Mädchen-Handballmannschaft beim FC Stukenbrock.“

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