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»Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht« in der Entlausung aufgeführt

Eine spezielle Art der Stille

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Mehr als 40 Mal hat er das Stück schon gespielt, sagt Schauspieler Michael Grunert. Aber hier, im alten Theater, das nach dem Zweiten Weltkrieg im ehemaligen Entlausungshaus des Stalag 326 war, ist es etwas Besonderes. »Dies ist der Ort, wo das Stück hingehört«, sagt Michael Grunert.

Monika Schönfeld

Michael Grunert spielt das Theaterstück über den ehemaligen Kriegsgefangenen Ferdinand Matuszek. Foto: Monika Schönfeld

»Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht« hinterlässt während zweier Vorstellungen eine spezielle Art der Stille.

Im Bielefelder Theaterlabor hatte das Stück vor anderthalb Jahren Premiere. Es fußt auf der Lebensgeschichte des ehemaligen Kriegsgefangenen Ferdinand Matuszek, die die Historiker Oliver Nickel und Friedhelm Schäffer (Gedenkstätte Stalag 326) aufgeschrieben haben. Der Titel: »Ich hatte nichts gegen Deutsche, nur gegen Faschisten«.

Matuszek ist im Juli 2014 gestorben. In seinen letzten Jahren hat er in Schloß Holte-Stukenbrock mit Jugendlichen des Drei-Schulen-Theaters gearbeitet, die die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 thematisiert hatten. Am Ende des Theaterstücks der Jugendlichen singt Matuszek mit ihnen das russische Sehnsuchtslied Katjuscha. Am Ende des Stücks »Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht« wird eine Filmaufnahme eingeblendet, in der Matuszek das Lied ebenfalls singt.

Ehemaliger Kriegsgefangener

Schauspieler Michael Grunert und Regisseurin Regina Berges haben den Hof in Rehme besucht, wo Ferdinand Matuszek als Kriegsgefangener eingesetzt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er in Deutschland. Er sagte immer von sich, er hatte Glück. Er war nicht im KZ, er hat auf dem Bauernhof nicht gelitten. Aber er hat Bilder im Kopf, die Schreie der Mütter und Kinder, die von den Nazis getrennt wurden, das Bild des russischen Kriegsgefangenen, der vor seinen Augen erschossen wurde, weil er ein paar Kartoffeln aufsammelte. Die Schreie lassen seinen Kopf noch Jahre später fast zerspringen. Oder die Stille, wenn er gar nichts mehr fühlt.

Um das Theaterstück zu verstehen, muss man nicht bis ins Detail in die Geschichte von Ferdinand Matuszek eintauchen. »Matuszek ist noch keine 16 Jahre alt, als er aus seiner polnischen Heimat verschleppt wird. Seine Gedanken können Jugendliche, die im gleichen Alter sind, nachvollziehen. Das können sie sich vorstellen. Das geht unter die Haut«, sagt Michael Grunert. Das Stück schlägt einen Bogen zu denen, die heute aus ihrer Heimat gerissen werden.

»Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht« wurde im Rahmen des Programms zum 70. Geburtstag der Evangelischen Lagerkirche auf dem Gelände aufgeführt. Der kleine Raum in der Entlausung bietet 50 Zuschauern Platz und war zweimal ausverkauft.

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