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Kai Schirmer, Cheftrainer und Sportlicher Leiter des SSC 90 Schloß Holte-Stukenbrock, im Corona-Interview

„Ganz ostwestfälisch: geh wech!“

Schloß Holte-Stuk...

Kai Schirmer ist seit März 2017 Cheftrainer und Sportlicher Leiter des SSC 90 Schloß Holte-Stukenbrock.

Dirk Heidemann

Für den SSC 90 lässt Kai Schirmer gerne seine Kontakte spielen. Hier gibt Dorothea Brandt, Olympiateilnehmerin in Athen 2004 und Rio de Janeiro 2016, im Februar 2018 eine Trainingseinheit im Hallenbad von Schloß Holte-Stukenbrock. Foto: Carina Teckentrup

In seiner aktiven Zeit glänzte er als Rettungssportler. Mit 18 Jahren nahm Schirmer erstmals an den Deutschen Meisterschaften teil. Mit 27 Jahren feierte er in Wales den Gewinn zweier Einzeltitel bei der Europameisterschaft. Gemeinsam mit dem Nationalteam wurde er 2016 Vierter bei der Weltmeisterschaft im Rettungsschwimmen. Dabei gewann er drei Gold- und zwei Silbermedaillen. Heute ist Kai Schirmer DLRG-Sportdirektor und unterstützt Bundestrainerin Elena Prelle bei der Betreuung der DLRG-Kaderathleten. Im WB-Interview spricht der 33-Jährige über seine Erfahrungen während der Corona-Zeit.

Herr Schirmer, wie nah ist Ihnen das Virus bislang gekommen?

Kai Schirmer: In Form von Ansteckung oder Erkrankung ist das Virus noch verhältnismäßig weit weg. Persönlich halte ich mich streng an die Auflagen. Von meinem näheren Umfeld kann ich das Gott sei Dank das gleiche behaupten.

Was überwiegt bei Ihnen gerade: Vertrauen und Gelassenheit oder Unzufriedenheit und Frust?

Schirmer: Ich habe volles Vertrauen in die Entscheidungen der Experten und der Politik. Leichten Frust verspüre ich, wenn ich verschiedene Bereiche der Gesellschaft miteinander vergleiche. Damit meine ich finanzielle Entschädigungen und differenzierte Betrachtung der Berufsgruppen oder Aufgaben.

Der Amateursport ruht. Ist er Ihrer Meinung nach ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung?

Schirmer: Ganz klar ein Teil der Lösung. Für den Schwimmsport und den SSC 90 aus Schloß Holte-Stukenbrock kann ich sagen, dass wir sehr gute Hygienekonzepte für die Trainingseinheiten erstellt haben. Das gilt für das Training im Hallenbad, in der Sporthalle oder im Freien. Sportvereine sind viel mehr als Orte zum Sporttreiben. Sie sind Orte der Begegnung und der sozialen Kontakte. Mit Begegnung meine ich soziale Interaktion, die auch über Distanz möglich ist. Eine regelmäßige soziale Interaktion ist grade in diesen herausfordernden Zeiten ein wichtiger Punkt, grade weil die sozialen Kontakte in allen Bereichen stark reduziert sind. Das Sporttreiben (an der frischen Luft) ist aus sportwissenschaftlicher Sicht ohnehin wertvoll, besonders in diesen Zeiten. Der ordentliche Vereinsbetrieb ist natürlich immer eine Zusammenkunft von vielen Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft. Trotz allem kann man besonders im Vereinsleben die Kontaktnachverfolgung gewährleistet werden. Für den Wiedereinstieg ins Sporttreiben würde ich mir eine Differenzierung von Vereinssport beispielsweise zu Restaurants, Kultur oder anderen Freizeitaktivitäten wünschen.

Wenn Sie für einen Tag Bundeskanzlerin sein dürften, was würden Sie für diesen einen Tag im Sinne der Nation ändern?

Schirmer: Ich beneide Frau Merkel in dieser Situation auf keinen Fall. Mit den Entscheidungen in meinem Berufsleben und den damit resultierenden Auswirkungen auf den Sport habe ich ausreichend zu tun. Mein Ansatz für diesen Tag wäre, die herrschenden Beschlüsse und Gesetze bundeseinheitlich zu gestalten.

Was tun Sie und wo tun Sie es, um ihre körperliche oder auch geistige Fitness auf Trab zu halten?

Schirmer: Sport ist für mich das Mittel der Wahl. Ich versuche mich mit regelmäßigen Trainingseinheiten, die ich selber plane, fit zuhalten. Dafür muss ich mir aber Ziele setzen. Auch wenn diese Ziele eher mittel- als kurzfristig sind. Um mich geistig fit zu halten, versuche ich so viele Informationen wie möglich zu sammeln und zu differenzieren. Ich verfolge aufmerksam die (lokale) Tagespresse, aber natürlich auch das nationale und internationale Geschehen.

Die Welt verändert sich, Gewohnheiten werden erschüttert. Hat diese Extremsituation Ihr Lebensgefühl, Ihre Wahrnehmung, Ihr Denken verändert?

Schirmer: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Mein Alltag hat sich signifikant verändert. Durch meine Aufgaben als Sportdirektor in der DLRG bin ich sonst ein „Globetrotter“. Internationale Wettkämpfe sind verschoben worden oder ganz ausgefallen, Tagungen und Konferenzen haben nicht stattgefunden und Leistungssport findet nur mit sehr starken Einschränkungen statt. Auch Urlaub oder die Abwechslung vom beruflichen Alltag funktioniert nur schwer. Da bin ich froh, viel Sport treiben zu können. Ich bin der Meinung, dass wir bisher gut durch die Pandemie manövriert worden sind. Aus Frankreich oder Spanien kenne ich wesentlich stärkere Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Seit den ersten Auswirkungen kaufe ich mit starkem regionalem Bezug ein. Ich bin wesentlich weniger gereist, die Tagungen, Konferenzen oder Besprechungen wurden durch digitale Meetings ersetzt. Ersteres werde ich auf jeden Fall beibehalten. Zweiteres werde ich in meinem Aufgabenfeld versuchen zu etablieren und somit insgesamt noch etwas mehr für die Umwelt tun.

Was ist Ihr Lieblingsort, um aufzutanken?

Schirmer: Der Teutoburger Wald. Am liebsten die Hermannshöhen. Ganz egal ob im tiefsten Lipperland oder auf dem Kammweg in Bielefeld, ob beim Spazieren oder Joggen. Die Natur und die Ruhe hilft mir, um aufzutanken und ausgeglichen zu bleiben. Ich bin froh, den Teutoburger Wald direkt vor der Haustür zu haben.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Schirmer: „Die Varusschlacht, Rom und die Germanen“. Ein tolles Buch rund um die die bekannte Schlacht an den Hängen des Teutoburger Waldes.

Sehnen Sie die ,,Normalität‘‘ der Vor-Corona-Zeit herbei oder ist Ihnen bewusst, dass es diese Normalität nicht mehr geben wird?

Schirmer: Ich sehne mich nach „meiner“ Normalität in der Vor-Corona-Zeit. Das soll nicht egoistisch klingen. Jeder hat seine eigene Normalität. Bei mir sind es sportliche Wettkämpfe. Das Ausgehen mit meiner Partnerin. Ich denke wir alle müssen Abstriche bei unserer „Normalität“ machen. Mir ist das relativ schnell bewusst geworden.

Was möchten Sie dem Coronavirus sagen?

Schirmer: Ich würde gerne Ralph Ruthe mit seinem Lied zitieren, trotzdem ist mir etwas eigenes eingefallen. Ganz ostwestfälisch. Wortkarg und auf den Punkt gebracht: geh wech!

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