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Ursula Altmann (88) und Hannelore Riemeier (74) geben in ihrer Senioren-WG Musikunterricht

Ihr ältester Schüler ist 78 Jahre

Schloß Holte-Stuk...

Das tägliche Musizieren gehört für Ursula Altmann von der gleichnamigen Musikschule in Sende genauso zum Alltag wie das Zähneputzen.

Manuela Fortmeier

Im heimischen Garten üben Hannelore Riemeier (links) und Ursula Altmann (rechts) mit dem Akkordeonorchester St. Heinrich Sende. Foto: Manuela Fortmeier

Auch wenn alle Konzerte und Proben abgesagt sind, verbringt sie täglich rund zwei Stunden mit dem Musizieren auf dem Akkordeon oder mit dem Klavierspiel. Meistens zusammen mit Hannelore Riemeier (74), mit der die 88-Jährige in einer SeniorenWohngemeinschaft lebt.

Vor Corona hat sie mit Hannelore Riemeier regelmäßig und täglich Musikunterricht gegeben und sich mit dem Orchester bei Probeabenden auf die Konzerte vorbereitet. „Mein ältester Schüler ist derzeit 78 Jahre und wartet wie alle Schüler und Orchestermitglieder sehnsüchtig darauf, dass es wieder losgeht“. In einer WhatsApp-Gruppe postet Altmann wöchentlich mutmachende Botschaften: „Das hält uns zusammen und es kommen stets wunderschöne Rückmeldungen.“

Sie sagt: „Musik hat mich durch mein Leben getragen.“ Seit dem Tod ihres Mannes Karl-Emanuel Altmann 1976 leitet Ursula Altmann bis heute das Akkordeonorchester St. Heinrich in Sende. Im Februar 1932 in Bochum als Tochter einer Hausfrau und eines Kaufmanns geboren, war Altmann schon in ihrer frühesten Kindheit von der Musik fasziniert. Allerdings hat sie vor ihrem Musikstudium in Tössing am Bodensee zunächst eine Ausbildung zur Kauffrau in Bielefeld absolviert.

„Meine Kindheit in den Kriegsjahren im Ruhegebiet war in keiner Weise einfach. Aber, den Humor, die Hoffnung und die Freude an der Musik habe ich nie verloren“, sagt Altmann, die am 15. Februar ihren 89. Geburtstag feiert und sich bester Gesundheit erfreut. Noch immer erinnert sie sich an die damalige Begebenheit, als sie vor der schweren Entscheidung stand, ihr kleines Akkordeon verkaufen zu müssen. „Schweren Herzens musste ich das Akkordeon an den Nachbarjungen gegen ein Fahrrad eintauschen, damit ich mobil sein konnte“. Zum Glück habe ihre Schwester aber kurz darauf ein anderes Akkordeon aus den Trümmern retten können.

Als Kind hat Altmann mit ihrer Familie in einem abgelegenen Industriegebiet gewohnt. „Das Geld war knapp und ich habe aufgrund des Krieges sechs Schulwechsel erlebt, da meine Eltern immer Angst um uns Kinder hatten“. Ein Jahr lang sei sie deshalb zur Kinder-Landverschickung in der Nähe von Augsburg von ihrer Familie getrennt gewesen. „In der Zeit musste ich so viele Milchspeisen und Quark essen, dass ich Milchspeisen heute von meinem Speiseplan gestrichen habe“.

Schon früh, als Ursula noch ein junges Mädchen von zwölf Jahren war, verstarb ihr Vater in einem Bunker in Bochum. Die anschließende Flucht aus der Stadt hat die Mutter mit ihren beiden Töchtern zunächst ohne den Sohn, der noch im Krieg war, nach Bielefeld verschlagen. „Mein Bruder kam später nach und wir haben ihn bei uns versteckt“.

Im Kaufhaus Opitz absolvierte Ursula Altmann als junge Frau ihre Berufsausbildung zur Kauffrau. „Lehrjahre waren früher kein Zuckerschlecken. Wir mussten alle anfallenden Arbeiten erledigen, ohne zu murren“. So gehörte das Beheizen des Ofens ebenso zu ihren täglichen Aufgaben, wie auch an Samstagen und Sonntagen das Heraufziehen der Rollladen. Später zog sie mit ihrem Mann Karl-Emanuel Altmann nach Sende und erbaute dort mit ihm das erste Fertighaus.

„Mein Mann und ich haben unheimlich viel Schönes erlebt, sind quer durch Deutschland durch die Lande getingelt und haben zu zweit oder mit dem Akkordeonorchester konzertiert. Das war eine tolle Zeit“.

Heute lebt die agile Seniorin in diesem Haus, das zugleich auch die Räumlichkeiten für die Musikschule darstellt, in einer Wohngemeinschaft mit Hannelore Riemeier. „Wir haben uns schon damals kennengelernt, als Hannelore bei mir als Akkordeonschülerin angefangen hat“. Später habe man sich wieder getroffen.

„Langeweile kennen wir nicht“, sagen beide, obwohl sie aufgrund ihres Alters beide längst im Ruhestand sind und es ruhig angehen lassen könnten. Da ist zum einen Fidelio, der Berner Sennenhund, der seine täglichen Spaziergänge einfordert und sie fit hält. „Normalerweise gehen wir mit ihm drei Mal die Woche zur Hunde- und Spielstunde. Im Sommer ist es zusätzlich der Garten, der versorgt werden will, aber von uns auch gerne für ausgiebige Sonnenbäder genutzt wird“.

Zudem liebt es Hannelore Riemeier, in der Freizeit gerne am Computer zu spielen. Ursula Altmann genießt in dieser Zeit das Malen von Mandalas. „Das ist ein wunderbarer Zeitvertreib, bei dem ich sehr gut abschalten kann“, sagt Altmann. Und natürlich steht die Musik auch heute noch nach all den vielen Jahren ganz oben an.

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