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Krebsforscher Dr. Alexander Brock hat Enzym der Bauchspeicheldrüse ersetzt

Im Labor müffelt’s wie im Schweinestall

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Mein Vater hat gefeiert. Er meinte, jetzt kommt doch noch die vierte Generation Metzger.« Alexander Brock (34) lacht. Denn in seinem Labor müffelte es wie in einem Schweinestall. Die Tiere hat er allerdings nicht geschlachtet, sondern auf eine Hochfettdiät gesetzt – im Dienste der Krebsforschung.

Monika Schönfeld

Für seine Dissertation hat Alexander Brock mit Enzymen von Wimperntierchen geforscht. Foto:

Alexander Brock hat seinen Doktor der Biochemie in einem Forschungsthema gemacht. Es ging darum, für das Pankreatin einen Ersatzstoff zu finden. Beim Pankreatin handelt es sich um ein Medikament, das aus der Schweine-Bauchspeicheldrüse gewonnen wird und das menschliche Verdauungsenzym ersetzen soll. Nicht jeder verträgt das oder will tierische Medikamente.

Im November 2012 begann Alexander Brock, im Biomedizinischen Technologiezentrum der Uni Münster nach einem Ersatzstoff zu forschen. »Wer keine Bauchspeicheldrüse mehr hat, ist automatisch Diabetiker. Und meistens magert der Mensch ab, weil die Enzyme zur Fettverdauung fehlen.« Die Lösung sollten Wimperntierchen bringen, Ciliaten, die im Wasser leben, Enzyme nach außen abgeben und die Verdauung außerhalb des Körpers bewerkstelligen. Alexander Brock simulierte einen Magen im Reagenzglas.

Hochfettdiät

30 Enzyme wurden von Wimperntierchen produziert. »Mit einem hat es geklappt. Das war die Nadel im Heuhaufen.« Um dieses eine Enzym zu finden, mussten Tierversuche gemacht werden. »Ich habe 14 Mini-Schweine mit den Wimperntierchen-Enzymen gefüttert. Drei Tierärzte haben die Tiere überwacht, denn Tierversuche sind streng reguliert. Nur so ist das Ergebnis nachvollziehbar und unanfechtbar.«

Naserümpfen

Um zu sehen, wie welches Enzym wirkt, musste Alexander Brock den Kot der Tiere untersuchen. Das hat bei den Kollegen im Labor für Naserümpfen gesorgt. Wie gesagt – es roch. »Die Schweine leben noch, sie sind gesund und kommen ohne Medikamente aus«, beruhigt Alexander Brock die, die sich ums Tierwohl Sorgen machen.

Im Februar 2017 hat er seine Doktorarbeit veröffentlicht. Er hat eine effizientere, rein vegetarische, möglicherweise vegane Medikation gefunden. »Das Medikament wird produziert, ist aber noch nicht auf dem Markt. Jetzt muss noch die Dosierung getestet werden.« Investoren bräuchten bei der Entwicklung langen Atem.

Finanziell wird Alexander Brock von seinen Forschungsergebnissen nichts haben – außer dass sein Name irgendwo genannt wird. »Das schönste Gefühl ist, etwas bewirkt zu haben.«

Alexander Brock hat die Elbrachtschule und dann das Gymnasium Verl besucht. »Mit 16 Jahren habe ich Chemie zunächst abgewählt. Die Idee, Biochemie zu studieren, kam mir erst später«, sagt er. Sein naturwissenschaftliches Interesse haben die Fernsehsendungen Knoff-Hoff-Show und Quarks & Co. erregt. Nach dem Zivildienst bei der Biologischen Station Senne begann er, in Bielefeld Biochemie zu studieren. Seine Masterarbeit hat er in Zusammenarbeit mit dem Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen zu einer seltenen Stoffwechselerkrankung gemacht.

Forschung in den USA

Im Masterstudium war er zu einem dreimonatigen Praktikum an der Universität von South Carolina in Charleston. Dort lehrt ein Professor, der auch aus Schloß Holte-Stukenbrock stammt, Alexander Awgulewitsch, der schon seit 27 Jahren in den USA arbeitet. Während dieser Zeit lernte er andere Forscher aus Deutschland an der Medical University of South Carolina kennen, die im Bereich der chemotherapie-resistenten Kopf- und Halstumore forschten. »Ich bekam dort eine Stelle mit Aussicht, dort meine Promotion zu machen. Nach anderthalb Jahren war aber mein Visum abgelaufen. Ich hatte es versäumt, es rechtzeitig zu verlängern.« So ging’s zurück nach Deutschland, nach Münster. Hier erlangte er mit der Arbeit mit dem Titel »Ciliaten-Lipasen zur Behandlung exokriner Pankreasinsuffizienz« den Doktortitel.

Hoffnung für Krebspatienten

»Es gibt viel Hoffnung für Krebspatienten«, sagt Alexander Brock. »Die Diagnostik wird immer besser, die Medikation personalisierter.« Alexander Brock arbeitet jetzt für ein Pharmazie-Unternehmen, das sich auf Prostata-Krebs spezialisiert hat, nicht in der Forschung, sondern in der medizinischen Information. »Ich halte Vorträge über Wirkstoffe und Anwendungen vor Ärzten. Damit bin ich noch näher am Patienten.«

Seine Heimat Schloß Holte-Stukenbrock lässt ihn nicht los, auch wenn er jetzt in Düsseldorf lebt. »Ich habe während der Schule und während des Studiums bei meinem Vater in der Landfleischerei gearbeitet und kam später zu Pollhans immer wieder zurück, um ihm zu helfen. Und um meine Freunde zu treffen.«

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